Kein Vorbild für niemand
Human Rights watch outet US-Jobwunder als Mogelpackung
Andreas Zumach
"Jobwunder", "anhaltender Wirtschaftsboom" -
beinahe ehrfürchtig zitieren hiesige Politiker und Medien immer
wieder die ökonomische Entwicklung in den USA als Vorbild.
Selbst Gewerkschafter vergessen angesichts von 20 Millionen neu
geschaffenen Arbeitsplätzen oftmals, nach dem Preis für die
- fast erreichte - Vollbeschäftigung zu fragen. Der besteht eben
nicht nur in der schon länger bekannten Tatsache, dass ein
erheblicher Teil der neuen Jobs im unteren Lohnsektor angesiedelte
Teilzeitbeschäftigungen ohne längerfristige Absicherung und
gewerkschaftliche Rechte sind. Auch Besitzer von Stellen in
Boombranchen mit derzeit hohen Löhnen können also schon
morgen wieder mittel- und rechtlos auf der Straße stehen.
Unter der Glitzerebene des Wirtschaftswunders ist der arbeits-und
sozialrechtliche Unterbau so morsch und ausgehöhlt, dass sich
die USA weder als Vorbild für Europa noch für irgendeine
andere Weltregion anbieten. Das zeigt der Bericht von Human Rights
Watch. Es wäre zu wünschen, dass europäische Politiker
und Diplomaten diesen Bericht aufmerksam lesen und ihn mitnehmen zu
den kommenden Beratungen der Welthandelsorganisation WTO. Wenn dort
die Vertreter Washingtons - wie so oft - in hehrer Arroganz die
Arbeits-und Sozialbedingungen in den armen Ländern des
Südens anprangern, sollte ihnen das HRW-Papier vorgehalten
werden.
Es geht nicht darum, die Forderung nach Realisierung
wirtschaftlicher und sozialer Menschenrechte von der globalen
Tagesordnung zu wischen. Nur diente diese Forderung bei den
bisherigen WTO-Verhandlungen vor allem taktischen Kalkülen
Washingtons zur Durchsetzung ganz anderer Interessen. Es geht um mehr
Ehrlichkeit in der Debatte. Wenn allgemein akzeptierter Ausgangspunkt
künftiger Verhandlungen wäre, dass in den USA -
insbesonders gemessen an ihrem großen Reichtum -
völkerrechtlich verbindliche Gewerkschafts-, Arbeits- und
Sozialrechte in weiten Teilen der Wirtschaft kaum besser verwirklicht
und garantiert sind als etwa im weit ärmeren Indien, dann
wüchse die Chance, der Realisierung dieser Rechte für alle
BewohnerInnen dieser Erde tatsächlich etwas näher zu
kommen.
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