Fortdauernde Blamage
China wird wegen Menschenrechtsverletzungen nicht verurteilt
Andreas Zumach
Seit neun Jahren scheitert in der Genfer
UNO-Menschenrechtskommission der Versuch einer Verurteilung Chinas
immer wieder an einem Geschäftsordnungsantrag auf
Nichtbefassung. Das ist regelmäßig Anlass zu
scheinheiligen Klagen über die "Politisierung" der
Menschenrechtsdiskussion. Die gestrige Abstimmung zeigt exemplarisch,
in welcher Sackgasse die internationale Menschenrechtsdebatte
inzwischen gelandet ist, wie sehr Menschenrechte für andere
Interessen missbraucht werden und welch prinzipienlose, rein taktisch
bestimmte internationale Arbeitsteilung sich zwischen den USA und der
EU bei der Behandlung des Themas Menschenrechte inzwischen etabliert
hat.
Alle unabhängigen Menschenrechtsorganisationen und die
UNO-Hochkommissarin stimmen darin überein, dass sich die
Situation in China seit der letzten Sitzung der UNO-Kommission im
Frühjahr 1999 deutlich verschlechtert hat. Dennoch brachten
unter den 53 Mitgliedsstaaten der UNO-Kommission lediglich die USA
einen Antrag auf eine Chinaresolution ein. Dies allerdings ohne die
für Washington heikle Frage der Todesstrafe und in erster Linie
aus einem innenpolitischen Kalkül: Die Clinton-Administration
hofft, die Zustimmung des Kongresses für den Beitritt Chinas zur
Welthandelsorganisation (WTO) zu sichern, an der führende
US-Konzerne wegen des Riesenmarktes ein erhebliches Interesse haben.
Aus eben demselben Interesse verzichtete die EU ausdrücklich auf
die aktive Unterstützung des US-Antrags oder gar die Vorlage
eines eigenen Resolutionsentwurfes.
Gerade triumphierend konnte der chinesische Botschafter gestern
die "Isolation der USA" verkünden. Die Abstimmung, bei
der die Unterstützung Chinas durch fast sämtliche Staaten
Asiens, Afrikas und Lateinamerikas größer war als in den
Vorjahren, zeigt auch, wieviel moralische Autorität die
Länder des Westens in Folge des Nato-Krieges gegen Jugoslawien
eingebüßt haben. Bei der kommenden Abstimmung über
eine Resolution zu den russischen Menschenrechtsverletzungen in
Tschetschenien wird sich das gestrige Debakel voraussichtlich
wiederholen.
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