Der Spion als Menschenretter
Nicht nur militärisches Gerät konnten die gewarnten
Serben in Sicherheit bringen - auch Zivilisten
Andreas Zumach
Als bereits in den ersten Tagen des
Nato-Luftkrieges gegen Jugoslawien Ende März 1999 ausgerechnet
ein F-117A-Stealth-Kampflugzeug, die Wunderwaffe der US-Airforce,
abstürzte, war das Entsetzen im Pentagon und im Brüsseler
Hauptquartier der Allianz groß. Über die Ursache des
Absturzes wollte oder konnte man zunächst keine genaue Auskunft
geben. Die Behauptung Belgrads von einem Abschuss des
Stealth-Flugzeuges wurde allerdings sofort als Propaganda
zurückgewiesen.
Nachfragen von Journalisten stießen geradezu auf beleidigte
Empörung. Dazu sei die jugoslawische Luftabwehr unter keinen
Umständen in der Lage, hieß es. Der Nato-intern bereits in
der ersten Kriegswoche aufgekeimte Verdacht, es könne einen
Maulwurf in den eigenen Reihen geben, und die daraufhin ergriffenen
Maßnahmen zur Verbesserung der Geheimhaltung konnten nach
außen zunächst erfolgreich verborgen werden. Doch am 13.
April berichtete der US-Fernsehkanal ABC unter Berufung auf
Nato-Kreise, das Bündnis vermute einen Spion in den eigenen
Reihen. In mindestens drei Fällen sei die Führung in
Belgrad vor Angriffen der Nato-Luftstreitkräfte über deren
Ziele informiert gewesen. Am 7. April, so ABC-TV, hatte die Nato
einen Funkspruch jugoslawischer Militärs abgefangen, der die
Räumung einer Kaserne vor einem Luftangriff anordnete.
Kurz darauf war auch im westlichen Fernsehen zu besichtigen, wie
jugoslawische Offizielle in Belgrad kistenweise Dokumente aus
Regierungsgebäuden trugen, die wenig später Ziel von
Nato-Bomben waren. Der Spion in den eigenen Reihen sei "eine
gewaltige politische Schlappe für den Westen", hieß
es grimmig im Brüsseler Nato-Hauptquartier. Doch das sei
"die Logik und die Sprache aus der Zeit des Kalten
Krieges", befand damals taz-Kommentator Stefan Reinicke und
erkor den Spion bei der Nato zum "Held der westlichen
Wertegemeinschaft". Er habe dafür gesorgt,
"Kollateralschäden" unter der Zivilbevölkerung
wenigstens zu minimieren. Und damit habe er auch der Nato in ihrem
Bemühen um "moralische Lufthoheit" eher genutzt als
geschadet. Daran anknüpfende Spekulationen, die Nato habe aus
eben diesem Grunde vielleicht sogar ganz offiziell vor bestimmten
Angriffen Informationen nach Belgrad geliefert, um die rechtzeitige
Evakuierung von Zivilisten zu ermöglichen, wurden damals und
werden bis heute im Brüsseler Hauptquartier und den
Hauptstädten der 19 Nato-Staaten heftig dementiert.
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