Beitrittsdruck erhöhen
Der internationale Strafgerichtshof und die USA
Andreas Zumach
Nach den Tribunalen von Nürnberg und Tokio verstrich ein
halbes Jahrhundert voller erfolgloser Verhandlungen, bis im Sommer
1998 in Rom endlich das Statut für einen Internationalen
Strafgerichtshof ISTGH verabschiedet wurde - immerhin von zwei
Dritteln der heutigen Staatengemeinschaft. Dieser größte
zivilisatorische Fortschritt seit der Verabschiedung der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte und der Genozid-Konvention 1948 war
zugleich eine der größten Niederlagen der US-Diplomatie:
Trotz massiven Drucks auf zahlreiche Regierungen konnte die einzige
Supermacht ihre Verwässerungsvorschläge damals nicht
durchsetzen. Bei der Abstimmung über das Statut
schließlich wurden die USA völlig im Lager der Neinsager
isoliert - mit Russland, dem Irak und vier weiteren
"Schurkenstaaten".
Ausschlaggebend für den Erfolg von Rom war - neben dem
Engagement der internationalen Koalition von
Nichtregierungsorganisationen - 1998 die engagierte Haltung und die
gute Verhandlungsstrategie der damals noch christlich-liberalen
Bundesregierung. Von einem ähnlich starken Engagement der
rot-grünen Koalition ist heute wenig zu spüren. Obwohl es
ursprünglich hieß, Deutschland werde unter den ersten zehn
Staaten sein, lässt die Ratifikation des ISTGH-Statuts auf sich
warten; die dafür notwendige Grundgesetz-Anpassung hat bisher
nicht den Bundestag passiert.
Unterdessen haben die USA die Zeit erfolgreich zur Torpedierung
des ISTGH genutzt. Zahlreichen Regierungen, insbesondere in
Lateinamerika, Asien und Afrika, wurde von Washington
"geraten", die Ratifizierung erst einmal auf die lange Bank
zu schieben. Und der neue Vorstoß der Clinton-Administration
zur Veränderung des Statuts des Gerichts könnte den
bisherigen Zeitplan zur Etablierung des ISTGH völlig zur
Makulatur machen - es sei denn, die Berliner Koalition und andere
Regierungen machten sich nicht weiter erpressbar und gäben
endlich das Bemühen auf, die USA unbedingt im Boot halten zu
wollen. Wenn der ISTGH erst einmal etabliert ist, wird der
Beitrittsdruck auf Washington viel größer sein.
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