Propagandaschlacht Im Kosovo-Krieg haben Nato und
Serbien gelogen
Andreas Zumach
In Kriegszeiten gehören Opferzahlen zum wichtigsten Material
für die Propaganda beider Seiten. Das gilt besonders, wenn es
sich um tote Zivilisten handelt. Für die Nato ist es bis heute
von größter Bedeutung, die Zahl der zivilen Opfer ihres
Luftkrieges möglichst gering erscheinen zu lassen. Während
der 78 Kriegstage hing davon die Unterstützung der Regierungen
und Bevölkerungen in den Bündnisstaaten wesentlich ab.
Der Umgang der Regierung in Belgrad mit der Zahl von Ziviltoten
war und ist nicht weniger irreführend. In den ersten
Kriegswochen wurden Opfer - zivile wie militärische - mit
Rücksicht auf die Moral in der eigenen Bevölkerung noch
völlig verschwiegen. Später wurde zumindest das
Ausmaß heruntergelogen. Und seit Kriegsende operiert Belgrad
mit diversen zivilen Opferzahlen, die allein wegen der erheblichen
Bandbreite von 1.200 bis 5.000 wenig glaubwürdig wirken und nur
in wenigen Fällen konkret mit Namen und Daten belegbar sind.
In dieser Situation ist die detaillierte Untersuchung, die Human
Rights Watch (HRW) jetzt nach monatelangen, akribischen Recherchen
vorgelegt hat, von größtem Wert. Sie unterstreicht einmal
mehr die wichtige, unverzichtbare Rolle regierungsunabhängiger
Organisationen bei der Beschaffung und Bewertung konfliktrelevanter
Informationen. Auch wenn die HRW-Studie nicht den Anspruch auf
Vollständigkeit erheben kann, trägt sie zur Klärung
relevanter Fragen bei: Eine beträchtliche Zahl der
festgestellten rund 500 Ziviltoten waren eben nicht
"versehentliche" Opfer, wie die Nato-Propaganda und das
verharmlosende Unwort des Jahres vom "Kollateralschaden"
suggerieren. Tatsächlich sind die Getöteten - als Passanten
auf Brücken beziehungsweise als Beschäftigte oder Bewohner
von zivilen Gebäuden, die die Nato gezielt bombardierte -, wenn
nicht gewollte, so doch zumindest billigend in Kauf genommene
Opfer.
Die Tötung dieser Menschen war somit ein eindeutiger
Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht, wie HRW zu
Recht unmissverständlich feststellt. Umgekehrt waren ein Teil
der von Belgrad reklamierten Zivilopfer von Nato-Bomben
tatsächlich Opfer serbischer Kriegsverbrechen, wie das von HRW
recherchierte Beispiel der 95 Toten im Gefängnis von Dubrava
belegt.
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