Unveröffentlichter Artikel
05. August 2005


Der Traum von der neuen Bombe

von Otfried Nassauer

Amerika braucht dringend eine Familie neuer Atomwaffen und eine neue Fabrik, in der diese Waffen der Zukunft gebaut werden sollen. Das sagt ein 124 Seiten starker Bericht mit dem Titel "Empfehlungen für den Nuklearwaffenkomplex der Zukunft". Er wurde für Samuel W. Bodman, den Energieminister gefertigt und ihm in der zweiten Julihälfte vorgelegt. 60 Jahre nachdem die ersten US-Atomwaffen die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki binnen weniger Sekunden zerstörten.

Die Diagnose der Experten-Studie klingt dramatisch: Die heutige Infrastruktur für den Bau der Atombomben stammt aus dem zweiten Weltkrieg. Viele Anlagen und Ausrüstungen sind "antiquiert". Es gibt zu viele Standorte, an denen atomares Bombenmaterial gelagert wird und vor Dieben und Terroristen gesichert werden muss. Das Verteidigungsministerium stellt keine schlüssigen, einheitlichen Forderungen, welche Atomwaffen es künftig benötigt. Es bezweifelt, dass das Energieministerium, die geeigneten Waffen bauen und liefern kann. Die Atomwaffenlabore konkurrieren eher untereinander als sich zu ergänzen. Das Energieministerium kümmert sich mehr um die weitere Bürokratisierung des Atomwaffen-Komplexes als darum, dass der seine Aufgaben erfüllt. Das alles verschlingt viel zu viel Geld und vor allem: Dahinter sei keine schlüssige Strategie zu erkennen. Supermacht Amerika?

Das Therapie, die die Experten dem Energieminister empfehlen, ist radikal: Amerika soll sofort mit der Entwicklung einer Familie neuer Atomwaffen beginnen. Schnellstmöglich soll eine moderne Fabrik gebaut werden, in der diese neuen Waffen hergestellt, gewartet und wieder demontiert werden können. Die Arbeit der Atomwaffenlabore muss besser koordiniert werden. Die alten Fabriken sollen künftig vor allem genutzt werden, um die vielen überflüssigen Waffen aus Zeiten des Kalten Krieges zu entsorgen. Amerikas Atomwaffenkomplex muss kleiner werden, braucht eine strategische Neuausrichtung: Weniger ist künftig mehr. Die neuen Waffen sollen sicherer, einfacher und wartungsfreundlicher sein als die bisherigen. So wird es möglich, das Arsenal alter Atomwaffen schneller zu verkleinern. Das spart viel Geld. Um all das umzusetzen, bedarf es einer zentralen Steuerung. Die soll für zu sorgen, dass die USA auch morgen über ein bezahlbares, glaubwürdiges und vor allem einsetzbares Arsenal des Schreckens verfügen.

Eine Familie neuer "Verlässlicher Ersatzsprengköpfe" soll die vorhandenen atomaren Waffen beginnend mit dem nächsten Jahrzehnt ablösen. Dazu können vorhandene Waffen für neue Zwecke umgebaut oder neue entwickelt werden. Die Experten gehen somit weiter, als es das amerikanische Parlament, bislang erlaubt. Noch wehrt sich die Mehrheit der Abgeordneten, den Bau neuer Atomwaffen zu unterstützen. Sie fürchtet, dass neue Atomwaffen das falsche Signal in einer Welt wären, in der immer mehr Staaten überlegen, sich atomar zu bewaffnen. Doch die Lobby für eine neue Generation atomarer Waffen wird stärker. Sie fordert, Atomwaffen zu entwickeln, die selbst 200 Meter tief unter der Erde verbunkerte Ziele zerstören können – sogenannte atomare Bunkerknacker. Sie befürwortet die Entwicklung kleiner und kleinster Atomwaffen, sogenannter Mini-Nukes, deren Einsatz man auch gegen Ziele in der Nähe von Städten glaubwürdig androhen kann. Beides halten kritische Experten für technisch kaum möglich und vor allem für politisch falsch. Doch das ficht die Befürworter nicht an. Sie wollen zuallererst sicherstellen, dass die USA bis ins nächste Jahrhundert Atommacht bleiben. Die Waffen sollen nicht , wie im Atomwaffensperrvertrag vorgesehen, letztlich abgerüstet werden.

Die neuen Waffen sollen deshalb auch in einem neuen "Konsolidierten Nuklearwaffen-Produktionszentrum" gebaut werden. Bis zu 300 Waffen jährlich sollen hier gefertigt, zerlegt und gewartet werden. Bei Bedarf kann der Ausstoß verdoppelt werden. Selbst über den Standort der neuen Anlage haben sich die Experten bereits erste Gedanken gemacht: Abgelegen und sicher vor Terroristen soll er sein. Ihre indirekte Empfehlung: Das riesige Atomtestgelände in Nevada. Unterirdische Atomwaffentests, so der Bericht, seien zwar angesichts heutiger Technik zwar nicht mehr nötig. Doch fordere Präsident Bush weiterhin, jederzeit binnen 18 Monaten wieder mit Tests atomarer Waffen beginnen zu können.


 

ist freier Journalist und leitet das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit - BITS