Stabile Widersprüchlichkeit
Otfried Nassauer, Leiter des Berliner Informationszentrums für
Transatlantische Sicherheit und
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Am 15. und 16. Dezember treffen in Brüssel die NATO-Außenminister zu ihrer regulären Herbsttagung als Nordatlantikrat zusammen. Ein Thema findet zur Zeit fast keine Beachtung - die Diskussion über die nächsten Schritte der Erweiterung der NATO. Erwartet wird lediglich, daß die Minister die Politik der offenen Tür erneut bestätigen. In den Worten des Treffens der NATO-Verteidigungsminister am 2. Dezember 1999, daß "die NATO für neue Mitglieder nach Artikel 10 des Washingtoner Vertrages offen bleibt." Die endgültige Entscheidung über die nächste Erweiterungsrunde steht ja erst im Jahre 2002 an. Dieses Vorgehen greift zu kurz. Die Allianz muß sich mit den Wechselwirkungen zwischen dem jüngst unterzeichneten KSE-2-Vertrag "The Agreement on the Adaptation of the Treaty on Conventional Armed Forces in Europe, signed at the OSCE Summit in Istanbul on 19 November, will ensure the continuing viability of the CFE Treaty as a cornerstone of European security and stability." und ihrer Erweiterungspolitik befassen. Während der Kosovo-Krieg, der Krieg in Tschetschenien, die Diskussion über die Europäische Verteidigungsidentität und amerikanische Forderungen nach verstärkten Rüstungsbemühungen in Europa große öffentliche Aufmerksamkeit finden, bahnt sich ein neuer substantieller Konflikt der NATO mit Rußland an: Mit der Unterzeichnung des zweiten Vertrages über konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE-2-Vertrag) während des OSZE-Gipfels in Istanbul am 17.11.1999 geraten die deklarierten Ziele der Osterweiterungspolitik der NATO und jene der konventionellen Rüstungskontrolle in einen direkten Widerspruch zueinander. Den KSE-Vertrag als "Eckpfeiler europäischer Sicherheit" zu bezeichnen ge-hört zum guten Ton. Er garantiere Euro- pa Stabilität im Bereich der konventionellen Rüstung, so das Kernargument. Stabilität ist auch das deklarierte politische Ziel der Osterweiterung der Allianz, genauer gesagt die Projektion von Stabilität nach Mittel- und Osteuropa, die durch die Erweiterung der Allianz gewährleistet werden soll. Doch beides zugleich geht nicht zumindest nicht ohne erhebliche zusätzliche politische Bemühungen, die derzeit nicht zu erkennen sind. Denn unter den Kandidaten für eine zweite Runde der NATO-Osterweiterung befinden sich mit den baltischen Staaten (Estland, Lettland und Litauen) drei unmittelbare Nachbarn Rußlands, die dem KSE-Vertrag nicht beigetreten sind, keine Bemühungen erkennen lassen, dies in Kürze zu tun und deren Interessen bei der Neufassung des KSE-Vertrages keine Rolle gespielt haben. 1. KSE-Vertrag ohne Baltikum? - Warum
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| Kampfpanzer | Gepanzerte Fahrzeuge | Artillerie | |
| NATO angenommenes territoriales Limit für baltischen Staaten + "temporäre Stationierung" + "außergewöhnliche temporäre Stationierung" SUMME |
335 459 918 1.712 |
336 723 1.446 2.505 |
446 420 840 1.706 |
| Rußland territoriales Limit + "temporäre Stationierung" SUMME (unter der Voraussetzung, daß keine schweren Waffen im Kaukasus verbleiben) |
1.300 153 1.453 |
2.140 0 2.140 |
1.680 140 1.920 |
Aus russischer Sicht: Im Krisenfall bietet sich bei einem Beitritt der Balten zur NATO jederzeit die Chance eine strukturelle Schwäche Rußlands (und des KSE-Vertrages) auszunutzen, um massiv politischen Druck auszuüben. Die Wahl aber, entweder die Nord- oder die Südflanke aufzugeben, kommt aus russischer Sicht der Wahl zwischen Pest und Cholera gleich.
Rußland kann eine derartige, legale Truppenkonzentration unmittelbar an seiner Grenze kaum akzeptieren, solange es selbst an die subterritorialen Obergrenzen für die Flanken aus dem KSE-Vertrag gebunden bleibt. Es ist also abzusehen, daß Rußland in einem solchen (hypothetischen) Fall die Bestimmungen des KSE-Vertrages mißachten würde. Damit aber wäre der Rubikon überschritten, das KSE-Regime stünde wohl vor Irrelevanz oder Auflösung.
Ein NATO-Beitritt der baltischen Staaten verändert die strategische Lage aus russischer Sicht grundsätzlich. Die NATO überschreitet damit eine "rote Linie", auf die Moskau immer wieder hingewiesen hat. Ein solcher Schritt wird zudem im Kontext der Moskauer Sicht der jüngsten Entwicklung der NATO gesehen. Die NATO hat gegen Jugoslawien ohne UN-Mandat und russische Mitsprache Krieg geführt und zudem auf dem Washingtoner Gipfel eine neue Strategie verkündet, die russische Befürchtung verstärkt, daß sich die NATO zu einem weltweit tätigen Interventionsbündnis der westlichen Staaten unter Führung der USA entwickelt, das wenig oder kein Interesse zeigt, mit Rußland ernsthaft zu kooperieren und die legitimen russischen Interessen hinlänglich zu beachten.
Mit Blick auf den KSE-Vertrag ergeben sich für Rußland bei einem NATO-Beitritt der baltischen Staaten drei mögliche Vorgehensweisen:
Die Forderung den KSE-Vertrag mit dem Ziel die Flankenregelung aufzuheben neu zu verhandeln. Schon die jüngsten Verhandlungen zur Anpassung des KSE-Vertrages an die Erfordernisse der veränderten politischen Geographie Europas waren alles andere als einfach, und bereits hier konnte sich die russische Forderung nach einer Aufhebung der Flankenregelung nicht durchsetzen. Die Aussichten für eine einvernehmliche Vertragsveränderung sind schlecht.
Die einseitige Kündigung des KSE-Vertrages, um rechtlich die Möglichkeit zu erlangen, den potentiellen Aufwuchs einer NATO-Streitmacht im Baltikum auszugleichen. Hier überwiegen die politischen Nachteile vor dem Eintritt in eine Krise. Die politischen Beziehungen zu NATO (und EU) sowie die Aussichten auf eine gemeinsame europäische Sicherheitsarchitektur unter Einschluß Rußlands würden sich substantiell und dauerhaft verschlechtern. Auch wäre diese Option keine realistische Alternative. Die ökonomische Situation und der Zustand der russischen Streitkräfte lassen eine solche Politik kaum zu. Rußland ist zur Zeit wirtschaftlich nicht fähig, seine konventionellen Streitkräfte substantiell zu verstärken und sich auf ein Wettrüsten mit der NATO einzulassen.
Alternativ kann allerdings - deklaratorisch und/oder real - die Rolle von taktischen Nuklaerwaffen in der russischen Militärdoktrin gestärkt werden. Dies wird in Moskau wieder und wieder als billige" Alternative zu konventioneller Aufrüstung ins Spiel gebracht. Die destabilisierenden Auswirkungen auf nukleare Rüstungskontrolle und die Zukunft nuklearer Nichtverbreitung sind zwar offensichtlich wohl aber aus russischer Sicht, das derzeit kleinste Übel.
Eine Erweiterung der NATO um die baltischen Staaten - das hat bereits die Debatte um die erste Runde der NATO-Osterweiterung gezeigt - wird von Rußland eindeutig abgelehnt, nicht zuletzt da sie aus russischer Sicht als Teil der ehemaligen Sowjetunion gelten. Ihre Aufnahme ist politisch äußerst problematisch und muß von der NATO gegen das Interesse an einer kooperativen sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit Rußland abgewogen werden. Ein solcher Schritt brächte zudem so das Ergebnis dieser Forschungsnotiz - die bislang wenig beachtete Gefahr mit sich, das System konventioneller Rüstungskontrolle in Europa zu destabilisieren. Es obliegt der NATO und ihren Mitgliedsstaaten als interessierter (und stärkerer) Partei, einer solchen Destabilisierung in Kooperation mit Rußland entgegenzuwirken.
Der Beitritt der baltischen Staaten zur NATO sollte ausgeschlossen bleiben, es sei denn, daß Rußland einen solchen Schritt künftig mittragen könnte. Dies würde voraussetzen, daß der Westen berechtigte russische Sicherheitsinteressen hinlänglich berücksichtigt. Ein wesentlicher Beitrag dazu könnte seitens der NATO geleistet werden, wenn die Verkopplung des Nordens mit dem Süden bei der KSE-Flankenregelung aufgehoben würde. Diese Option haben bislang interessierte NATO-Staaten wie die Türkei und Norwegen aus unterschiedlichen Motiven unterbunden. Solange dieser Schritt der Anpassung des KSE-Vertrages an die politisch-geographische Wirklichkeit und die berechtigten Interessen Rußlands nicht vollzogen ist, sollte von einer NATO-Mitgliedschaft der baltischen Staaten abgesehen werden.
Sollte die NATO jedoch, wie von vielen gefordert, im Falle der baltischen Staaten die deklarierte "rote Linie" Russlands überschreiten , so müßten im Sinne kooperativer Schadensbegrenzung ernsthafte Schritte unternommen werden, legitime russische Sicherheits- und Stabilitätsinteressen auf andere Weise zu berücksichtigen, um das KSE-Regime nicht über Gebühr zu destabilisieren. Dazu sollten gehören:
Die Bindung der Mitgliedschaft in der NATO an eine Mitgliedschaft im KSE-Vertrag;
Für die baltischen Staaten gelten jeweils gleiche nationale und territoriale Obergrenzen, die insgesamt unterhalb der derzeitigen russischen Kapazitäten an der Nordflanke festgesetzt werden.
Auf die Option einer Erhöhung der nationalen und territorialen Limits wird verzichtet.
Die baltischen Staaten werden der NATO-Nordflanke zugerechnet; damit verzichtet die NATO vertraglich auf die Option zu außergewöhnlichen, temporären Stationierungen.
Weichenstellungen dieser Art müssen bereits heute vorbereitet und getroffen werden. Die angespannten Beziehungen der NATO zu Rußland sollten nicht weiter belastet werden. Die Diskussion der NATO-Außenminister zu den Perspektiven künftiger Erweiterungsschritte der Allianz sollte dringlich eine eigenständige rüstungskontrollpolitische Komponente bekommen.
1) Final Communiqué, Meeting of the North Atlantic Council in Defence Ministers Session held in Brussels, 2 December 1999, NATO Press Release M-NAC-D(99)156.
2) ibd.
3) Ministerial Meeting of the North Atlantic Council with the Three Invited Countries held in Brussels, Statement on CFE. Adaptation of the Treaty on Conventional Armed Forces in Europe (CFE): Restraint and Flexibility, NATO Press Release, M-NAC-D-2(98)141, 8 December 1998
4) Insgesamt gehören 14 europäische Staaten dem KSE-Vertrag immer noch nicht an. Diese sind Albanien, Bosnien-Herzegovina, die Bundesrepublik Jugoslawien, Estland, Finnland, Irland, Kroatien, Lettland, Litauen, Mazedonien, Österreich, Slowenien, Schweden und die Schweiz. Die Staaten des ehemaligen Jugoslaiwens unterliegen durch die Vereinbarungen von Dayton strengen Rüstungskontrollen. Albanien, Irland und die Schweiz streben derzeit keine Mitgliedschaft in der NATO an und sind für das hier vorgetragene Argument nicht erheblich.
5) Anzumerken ist, daß territoriale und nationale Limits nur im Falle der NATO-Staaten voneinander abweichen, wobei die territorialen Limits höher sind, als die nationalen.
6) Agreement on Adaptation of the Treaty on Conventional Armed Forces in Europe, signed on 17 November 1999, Article 8 (B) (1) und (2)
7) Als Richtschnur könnte hier Dänemark gelten, das eine ähnlich Einwohnerzahl hat, wie die drei baltischen Staaten zusammen. Nach Den KSE-II-Vertrag dürfen auf dänischem Territorium 335 Kampfpanzer, 336 gepanzerte Fahrzeuge und 446 Artilleriegeschütze stationiert werden.
8) Laut dem Londoner International Institute for Strategic Studies (The Military Balance 1999-2000, Oxford 1999, S. 116-117) sind derzeit im Leningrader Militärdistrikt 323 Kampfpanzer, 490 gepanzerte Fahrzeuge und 940 Artilleriegeschütze stationiert. In einer Anlage zum KSE-II-Vertrag hat Rußland zudem erklärt, daß es die im Leningrader Militärdistrikt stationierten Truppen in absehbarer Zukunft nicht substantiell erhöhen will. (Final Act of the Conference of the Parties to the Treaty on Conventional Armed Forces in Europe, OSCE Istabnul Summit, November 1999, Annex 5)
9) Auf die potentiell destabilisierende Wirkung von Flexibilisierungsregelungen im KSE-Vertrag hat auch die Bundesregierung, wenn auch unter Berücksichtigung der weitergehenden US-amerikanischen Forderungen, bereits im Mai 1998 hingewiesen: "... insbesondere die aus diesem Konzept resultierenden Nachteile [werfen jedoch, A.W.] kritische Fragen auf. Nur ein Beispiel: Einmal hypothetisch unterstellt, Rußland, Weißrußland und die Ukraine würden eine derartige Vertragsbestimmung in einer Krisensituation gegenüber Polen voll nutzen, dann stünden den ggf. um zwei NATO-Divisionen verstärkten polnischen Streitkräften sechs zusätzliche Divisionen gegenüber. Während die drei genannten Staaten also eine destabilisierende Konzentration vornehmen könnten, die sogar noch vertraglich erlaubt wäre, könnte sich für die NATO unter Umständen ein Zwang ergeben, den (adaptierten) KSE-Vertrag zwecks Herstellung einer militärisch hinreichenden Kräftebalance zu brechen." (Auswärtiges Amt, Rüstungskontrollreferat, Zum Stand der KSE-Adaptierung, April 1998)
10) Eine Erklärung, wie die der NATO von Dezember 1998 (ibd., Anm. 3) reicht dafür nicht aus, denn im Kern besagt diese nicht mehr, als daß sich die Staaten der NATO an den Text des KSE-Vertrages zu halten gedenken.
Otfried Nassauer, Leiter des Berliner Informationszentrums für Transatlantische Sicherheit und
Dr. Arend Wellmann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei BITS