Streitkräfte und Strategien - NDR info
15. Mai 2004


Militärisch effektiver mit weniger Stützpunkten? Die US-Planungen für ein neues Stationierungskonzept

Gerhard Piper

In deutschen Rathäusern wächst die Nervosität. Die US-Streitkräfte wollen einen Teil ihrer Truppen aus der Bundesrepublik abziehen. Daher reisten bereits im Juni vergangenen Jahres Bürgermeister und Landräte bis nach Washington, um beim Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General Richard Myers, gegen eine Schließung von Kasernen zu protestieren. Die amerikanische Regierung wird allerdings erst im nächsten Jahr endgültige Entscheidungen treffen. Viele Pressemeldungen über geplante Truppenverlegungen sind daher zum großen Teil reine Spekulation.

Wie viele Militärstützpunkte die US-Streitkräfte weltweit besitzen, darüber gibt es außerhalb des Pentagons nur vage Vorstellungen. Der offizielle "Base Structure Report" der US-Regierung nennt eine Zahl von 6.700 Standorten. Darunter befinden sich 700 Stützpunkte außerhalb der USA. Amerikanische Truppen sind heute in 130 Staaten präsent. Trotz dieser großen Gesamtzahlen fehlen in der amtlichen Auflistung die so genannten temporären Militärstützpunkte, also ausgerechnet alle Basen in Kriegs- und Krisengebieten wie z.B. Irak und Afghanistan.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hatte das Pentagon zunächst jede sich bietende Möglichkeit genutzt, außerhalb der USA Truppen zu stationieren. Später blieben viele Militäranlagen auch dann noch erhalten, als es für sie keinen aktuellen Bedarf mehr gab. Bis zu 25 Prozent der Stützpunkte gelten heute als überflüssig – so 1998 das Fazit einer internen Studie des Pentagons.

Mehrmals versuchte das amerikanische Militär, die Aufblähung ihres Stützpunktsystems in den Griff zu bekommen, um die eigene Militärstruktur den Veränderungen der internationalen Sicherheitslage anzupassen. Dabei wurden Kasernen geschlossen und Truppen aus Übersee in die USA zurückbeordert: "Base Realignment and Closure" (kurz BRAC) heißt diese weltweite Truppenverschiebung. Zwischen 1988 und 1995 gab es vier solcher BRAC-Runden. Durch die Schließung von insgesamt 387 Stützpunkten konnten 16,7 Milliarden Dollar eingespart werden.

Nun bereitet das Pentagon eine fünfte Umstrukturierungswelle vor. Sie soll so groß ausfallen, wie die vier vorangegangenen Initiativen zusammen. Rund 20 Prozent aller Militärstützpunkte sollen geschlossen werden. Diesmal geht es nur am Rande darum, Kosten zu sparen. Die geplante Truppenverschiebung ist vielmehr eingebunden in den sogenannten Transformations-Prozess der Streitkräfte. Das Ziel: die Interventionsfähigkeit der US-Verbände zu erhöhen. Diese werden in kleinere und mobilere Einheiten umgestaltet. Für das Stützpunktsystem ergibt sich die Konsequenz, dass Truppen schon in Friedenszeiten möglichst nahe an den wahrscheinlichen Einsatzgebieten stationiert werden können.

Statt wie früher eine Kaserne am nächstbesten Ort zu errichten, stellt das Pentagon zukünftig höhere Qualitätsansprüche an US-Militärbasen: Erstens sollen die Interventionstruppen in der Nähe von Truppenübungsplätzen stationiert werden, um ein hohes Ausbildungsniveau zu garantieren. Und zweitens soll am neuen Standort ein Flugplatz oder Seehafen vorhanden sein, um die Einheiten schnellstmöglich in einen Einsatz schicken zu können. Von den geplanten Truppenverschiebungen ist damit vor allem das Heer betroffen, das quasi zum Untermieter auf den Basen der Luftwaffe und Marine wird.

Nicht zuletzt soll die Infrastruktur der neuen Stützpunkte "schlanker" ausfallen. Die heutigen Standortkomplexe gleichen amerikanischen Kleinstädten, weil die US-Soldaten ihre Familien ins Ausland mitnehmen dürfen. Deshalb gehört zu jeder Kaserne im Prinzip eine Wohnsiedlung, ein Supermarkt und eine Schule. In Zukunft sollen die Soldatenfamilien in den USA bleiben. Dadurch kann auf die nicht-militärische Infrastruktur verzichtet werden. Weil die Soldaten allein ins Ausland entsandt werden, sollen sie alle sechs Monate ausgetauscht werden, um die familiären Bindungen nicht überzustrapazieren.

Gemäß diesem so genannten "Lily Pad"-Konzept wird an den zukünftigen Standorten nur eine kleine Stammmannschaft dauerhaft stationiert. Sie betreut die Rotationseinheiten und stattet diese mit Waffen und Gerät aus. "Forward Operating Bases" heißen diese Bereitschaftsbasen.

Während bei der nächsten BRAC-Runde ein Teil der Einheiten näher an die zukünftigen Kriegsschauplätze herangeführt wird, marschieren andere Truppenteile in die entgegengesetzte Richtung. Weil in den USA Hunderte Militärbasen zur Disposition stehen, kann in Einzelfällen eine Schließung verhindert werden, wenn an einem US-Standort zusätzlich Truppen aus Übersee unterkommen. Dies fordern US-Abgeordnete, die die Kaufkraft der Soldaten und zivile Arbeitsplätze in ihrem Wahlkreis erhalten wollen. Weil dennoch die Schließung von Dutzenden Kasernen in den USA unvermeidlich erscheint, versucht die US-Regierung die Frage der Truppenverlegung aus dem laufenden Präsidentschaftswahlkampf weitgehend herauszuhalten.

Bis Ende des Monats wird das Pentagon eine erste vertrauliche Liste mit Schließungsoptionen erstellen, aber die endgültigen Entscheidungen wurden auf das nächste Jahr vertagt: Nach dem offiziellen Zeitplan muss das Pentagon seine Empfehlungen bis zum 15. Mai 2005 einer unabhängigen Regierungskommission vorlegen. Dieses Gremium hat dann vier Monate Zeit, die Beschlussvorlage im Detail zu prüfen. Anschließend – bis zum 7. November 2005 - muss der US-Präsident endgültig entscheiden, welche Stützpunkte geschlossen, verkleinert oder vergrößert werden.

Als sicher gilt, dass außerhalb der USA insbesondere Westeuropa von Standortschließungen betroffen ist. Das European Command umfasst heute rund 108.000 Soldaten auf 500 Stützpunkten. Nach Angaben des kommandierenden Generals James L. Jones ist die Schließung von fast hundert Anlagen beabsichtigt. Die dort untergebrachten Einheiten werden in die USA oder nach Osteuropa, Nordafrika und in den Nahen Osten verlegt.


Für die geplanten Truppenverschiebungen führt das Pentagon vier Gründe an:

  • Erstens: Einzelne Truppenteile werden nach dem Ende des Kalten Krieges schlichtweg nicht mehr benötigt.
  • Zweitens: Die Stationierungskosten in den bisherigen Gastländern sind zu hoch.
  • Drittens: In den heutigen Stationierungsräumen fehlen große Truppenübungsplätze. Und
  • Viertens: Die Umweltauflagen der jetzigen Stationierungsländer sind zu streng.


Umgekehrt soll ein Standort allerdings erhalten bleiben, wenn er

  • für die Operationsfähigkeit der US-Streitkräfte wichtig ist,
  • in Zukunft noch ausgebaut werden kann
  • und die zivile Gemeinde, in der sich die Kaserne befindet, ebenfalls über eine umfangreiche Infrastruktur verfügt, auf die die Militärs zurückgreifen können.


In der Bundesrepublik hat das große Zittern der Bürgermeister begonnen. Hierzulande sind rund 70.000 US-Soldaten an 73 Standorten stationiert. Die Masse der Soldaten gehört zum V. Korps in Heidelberg, das über zwei Divisionen verfügt: die 1. Panzerdivision in Wiesbaden und die 1. Infanteriedivision in Würzburg. Diese beiden Großverbände werden von einem Truppenabzug besonders betroffen sein. Schon heute haben beide Verbände jeweils eine ihrer insgesamt vier Kampfbrigaden im amerikanischen Fort Riley stationiert. War zunächst von einem Abzug von 15.000 Soldaten die Rede, wurde zuletzt eine Größenordnung von rund 35.000 Mann genannt.

Bisher ist durchgesickert, dass das Hauptquartier des US-Kommandos Europa in Stuttgart ebenso erhalten bleibt wie der Flughafen in Ramstein. Auf der anderen Seite gilt als sicher, dass die US-Airbase in Frankfurt dichtgemacht wird, um einem zivilen Ausbau des Rhein-Main-Flughafens nicht im Wege zu stehen. Hier müssen ausnahmsweise mal die Militärs den Zivilisten weichen, während es ansonsten eher umgekehrt ist.

 

  ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei BITS.