Veraltete Atomwaffen?
Modernisierungspläne der US-Streitkräfte sind gescheitert
von Otfried Nassauer
Vor acht Jahren wurde George W. Bush Präsident. Ganz oben auf seiner
Agenda stand die Außen- und Sicherheitspolitik. Unter seiner Regierung
sollte Amerika, die einzig verbliebene Supermacht, noch stärker werden.
Er versprach, die Führungsrolle der USA auf Jahrzehnte abzusichern.
Potenzielle Herausforderer sollten abgeschreckt werden. Vor allem durch
die spürbare Überlegenheit der amerikanischen Streitkräfte.
Diese sollten von Grund auf modernisiert werden: Raketenabwehr, weniger
aber modernere Atomwaffen und viel Geld für die Transformation der
Streitkräfte, ihre Anpassung an die Aufgaben der Zukunft – so lauteten
die Stichworte.
Acht Jahre, zwei Kriege und eine Finanzkrise später, bietet sich
ein ganz anderes Bild. Die Streitkräfte ächzen unter den Belastungen
der Kriege im Irak und gegen den weltweiten Terrorismus. Viele Modernisierungsvorhaben
wurden vertagt. Andere blieben Stückwerk. Militärausgaben und
Staatsverschuldung sprinten von Rekord zu Rekord. Unter George W. Bush
haben die USA an Handlungsfähigkeit verloren.
Deutlich wird dies sogar da, wo angesichts anderer Schlagzeilen fast
niemand mehr hin-schaut: Bei den Insignien der Supermacht USA, den Nuklearwaffen.
Mit dem „Nuclear Posture Review“ wollte die Regierung Bush 2001 sicherstellen,
dass die USA anderen Atommächten auch in Jahrzehnten noch deutlich
überlegen sein werden. Die Entwicklung neuer atomarer Trägerraketen,
Bomber, U-Boote und einer neuen Generation atomarer Sprengköpfe sollte
eingeleitet werden. Die Forschungs-Einrichtungen und Fabriken, die die
Nuklearwaffen der USA herstellen, bedürften der Erneuerung. Für
die Zukunft seien Nu-klearwaffen mit anderen Eigenschaften nötig:
Waffen, die geeignet seien, Massenver-nichtungswaffen, deren Herstellungsanlagen,
Depots und Trägersysteme sicher zu zerstören – ganz gleich ob
sie Staaten oder nicht-staatlichen Akteuren gehören. Mini-Nukes,
Bunker-Buster, Waffen mit geringer Strahlungswirkung. Verlässliche
Waffen, leicht zu warten und so sicher, dass kein Fremder sie je missbrauchen
könne. Modernisiere man die Atomwaffen, so könne auch weiter
abgerüstet werden, so das Versprechen. Weniger werde dann mehr sein.
Sieben Jahre später zeigt sich ein anderes Bild. Im September 2008
veröffentlichten Ver-teidigungsminister Gates und Energieminister
Bodman ein Dokument mit dem Titel „Nationale Sicherheit und Nuklearwaffen
im 21. Jahrhundert“. In weiten Teilen erweist es sich als unfreiwilliges
Eingeständnis des Scheiterns an den eigenen Zielsetzungen. Die Forderung
nach einer umfassenden Modernisierung des gesamten US-Nuklearpotenzials
existiert zwar weiter. Sie umfasst auch weitgehend die selben Maßnahmen
wie im Nuclear Posture Review und seinen Folgedokumenten. Doch die Begründung
für deren Notwendigkeit ist verräterisch. Was in den Anfangsjahren
der Bush-Administration als eigene Initiative zur Absicherung der Vormachtstellung
Washingtons daherkam, wird nun als notwendige Re-aktion auf globale Entwicklungen
dargestellt. Die nukleare Modernisierung sei erforderlich, weil alle anderen
Nuklearmächte dabei seien, ihre Nuklearpotenziale zu erneuern. China
sei die Herausforderung der Zukunft. Als einzige klassische Nuklearmacht
erweitere und modernisiere Peking zur selben Zeit seine Atomwaffen. Russland
sei zwar kein unmittelbarer Gegner mehr. Aber auch Moskau modernisiere
sein Nuklearpotenzial. Das gelte selbst für Großbritannien
und Frankreich. Zudem seien Staaten wie Nordkorea und der Iran sowie Terrorgruppen
daran interessiert, Nuklearwaffen zu besitzen. Washington könne deshalb
nicht ohne Modernisierung seiner Nuklearabschreckung auskommen. Die USA
seien der einzige Nuklearwaffenstaat, der seit Jahren keine neuen Atomwaffen
mehr baue.
Das Dokument verschweigt allerdings, wie stark die weitreichenden Modernisierungsvor-haben
der frühen Bush-Jahre die Planungen der anderen Nuklearmächte
beeinflusst und be-fördert haben. Es beschreibt das Ergebnis und
leitet daraus ab, dass die Regierung Bush schon immer das Richtige vorhatte:
Selbst zu modernisieren. Praktische Fortschritte, die unter George W.
Bush gemacht wurden, fehlen dagegen weitgehend. Es gäbe auch relativ
wenig zu berichten. Über die Papiere, Vorstudien sowie Konzepte und
einige bedeutende Änderungen militärischer Strukturen hinaus
wurde bislang wenig umgesetzt. Teils, weil die US-Regierung aufgrund hoher
Kriegsausgaben andere Prioritäten setzen musste, teils, weil der
Kongress ihr die nötigen Mittel nicht bewilligte. Als Beispiel kann
die geplante Entwicklung einer neuen Generation nuklearer Sprengköpfe
dienen, der sogenannten Verlässlichen Ersatzsprengköpfe. Der
Einstieg in ernsthafte Entwicklungsarbeiten wird seit Jahren vom Kongress
blockiert. Auch für den Haushalt 2009 wird es dafür wohl keine
Mittel geben.
Doch damit nicht genug: Studien, die das Pentagon nach mehreren schweren
Pannen bei der Nuklearwaffensicherheit erstellen musste, zeigten jüngst:
Auch um die bestehende Nuklear-abschreckung der USA steht es nicht mehr
zum Besten. Gerade die wenigen, strukturellen Veränderungen, die
die Regierung Bush umgesetzt hat, haben dazu beigetragen. Eine hoch-rangige
Expertengruppe, die die nuklearen Aufgaben der Luftwaffe im Auftrag von
Ver-teidigungsminister Gates untersuchte, hielt im September fest:
Zitat:
„Die Expertengruppe hat herausgefunden, dass es einen unzweideutigen,
dramatischen und unakzeptablen Verfall an Engagement und Verpflichtung
bei der Luftwaffe gab, ihre nuklearen Aufgaben umzusetzen und dass bis
vor Kurzem nur wenig getan wurde, um dies zu ändern.“
Die nuklearen Aufgaben seien in Organisationsstrukturen eingebunden worden,
die primär nicht-nukleare Aufgaben wahrnehmen. Konventionellen Aufgaben
sei dort absoluter Vorrang eingeräumt worden. Bei Training und Ausbildung
seien nukleare Aspekte so weit verkürzt worden dass sie – so wörtlich
- „nahezu eliminiert wurden“.
Bereits vor Monaten hatte eine andere Expertengruppe festgehalten: Der
Umfang der kon-ventionellen Aufgaben, die die US-Luftwaffe im Rahmen des
Irakkrieges und der Be-kämpfung des internationalen Terrorismus wahrnehmen
muss, führt dazu, dass der Nuklear-waffensicherheit und der nuklearen
Ausbildung zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Über das konzeptionelle Kernelement der nuklearen Reformen der Regierung
Bush – die neue Abschreckungstriade aus nuklearen und konventionellen
Angriffskräften, Raketenabwehr und nuklearer Infrastruktur - hielt
die bereits erwähnte Studie aus dem September fest:
Zitat :
„Das Konzept der Neuen Triade – so wie es unsere nationalen Politikdokumente
aus-formulieren – wird von vielen, die in die nukleare Aufgabe der Luftwaffe
involviert sind, nicht wirklich verstanden. Dieser Mangel an Klarheit
kann bis auf die Ebene der einzelnen Mannschaften wahrgenommen werden.“
Die Fähigkeit der USA zur nuklearen Abschreckung wird auch durch
so gravierende Mängel nicht gefährdet. Washington ist und bleibt
die stärkste Nuklearmacht. Der Vorsprung, den die USA aus dem Kalten
Krieg in das 21. Jahrhundert mitgenommen haben, bleibt bestehen. Zugleich
aber zeigen sich erste Vorboten für ein neues Risiko. Welche Folgen
hat es, wenn die Soldaten der stärksten Nuklearmacht der Erde, die
Nuklearpolitik ihrer eigenen Regierung nicht mehr ausreichend verstehen?
Was, wenn daraus Probleme für die Nuklearwaffensicher-heit entstehen?
Was, wenn die Mängel nicht schnell und effizient behoben werden oder
sich gar weiter verstärken?
Ohne Zweifel: Der nächste US-Präsident findet in der Nuklearpolitik
eine weitere Großbau-stelle vor, mit der er sich schnell und intensiv
befassen muss. Dabei wird er zunächst eine Grundsatzentscheidung
treffen müssen: Welche Probleme geht er auf dem Weg der Rüstungskontrolle
und Abrüstung an und welche erfordern tatsächlich Modernisierungsmaß-nahmen
oder Strukturreformen? Seine Entscheidung wird Signalwirkung für
die Zukunft der nuklearen Rüstungskontrolle und die Überprüfung
des Atomwaffensperrvertrages im Jahr 2010 haben.

ist freier Journalist und leitet das Berliner Informationszentrum für
Transatlantische Sicherheit - BITS
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