Schlachtenlärm, Kriegsbilder und Propagandanebel
Geschrieben am 24.03.2003 um 19.45 Uhr / von Otfried Nassauer


Nach fünf Tagen Krieg ist klar: Binnen Tagen wird dieser Krieg nicht gewonnen sein. Er dauert wohl mindestens eine Woche. Die Börsen quittieren die als illusionär getäuschten Hoffnungen mit einer deftigen Talfahrt nach den kurzen Tagen der Rallye; die Politiker in Washington und London mit zur Geduld mahnenden Worten: Es könne länger dauern, Wochen. Von Monaten spricht niemand offen.
Versuchen wir einmal den Nebel interessensgeleiteter Informationen aus London, Washington, Bagdad und anderswo zu durchdringen. Was ist die wirkliche Lage im Irak? Mangels eines eigenen Geheimdienstes (Wer spendet uns einen oder wenigstens das Geld, um einem solchen analytisch nachzueifern?) hilft nur nüchterne Logik und die Reduktion auf das Wesentliche:

Klar ist, Washingtons Hoffnungen auf einen raschen Zerfall der irakischen Armee oder gar auch der republikanischen Garden, haben sich immer noch nicht erfüllt. Trotz aller Propagandabemühungen, trotz Signalen, dass Einheiten, die sich ergeben, beim Wiederaufbau irakischer Streitkräfte nach dem Krieg mitmachen dürften - von einer Selbstauflösung des irakischen militärischen Widerstands kann keine Rede sein.

Selbst irakische Kommandeure, die sich mit ihren Truppen bereits vorgestern ergeben haben, erscheinen heute in einem arabischen Fernsehinterview, um nüchtern mitzuteilen, der Kampf gehe weiter. Damit ist er aus, der Traum vom schnellen Sieg ohne langen Krieg.

Klar ist auch: Saddams Planer haben ihre Lektion gelernt. Sie wissen aus eigener Erfahrung sowie aus der Auswertung des Kosovo-Krieges: Manchmal ist es besser, nicht sofort auf alles zu schießen, was sich bewegt, weil Feuer impliziert, selbst zum Ziel zu werden. Vielmehr, so scheint es, hat Bagdad beschlossen, den Irak nicht in der Fläche zu verteidigen, sondern vor allem an strategisch wichtigen Orten und Ortschaften. Und: Während Washington im Sturm auf Bagdad marschiert und dabei Gefechte mit irakischen Einheiten meidet, scheinen letztere es als Einladung zu erfolgversprechenden Attacken auf den alliierten Nachschub zu begreifen, da sie zunächst ohne Kampf ausmanövriert wurden. Das macht eine Achillesferse des schnellen Vormarschs der US-Truppen sichtbar: Wer schnell vordringt, dessen Nachschub muss weite Wege gehen. Weite Wege, die entweder mit viel Personal gesichert werden müssen oder aber gefährlich sind. Vor allem, wenn der Feind sich taktisch an Modellen der geheimen NATO-Truppe Gladio zu orientieren scheint: Stay behind - Lass Dich überrollen und bekämpfe den Feind guerilla-artig von hinten als militärische Formation oder getarnt als Zivilist.

Die andere Achillesferse der Alliierten könnte sichtbar werden, wenn es den irakischen Verbnden gelänge, Washington und seine Verbündeten in die Städte zu locken. Dort spielt die technische Überlegenheit eine geringere Rolle. Es könnte auf beiden Seiten viele Opfer geben. Darin aber läge ein Vorteil für die irakische Führung: Die irakische ffentlichkeit ist das Leiden unter Krieg (und Diktatur) gewohnt; die der USA dagegen ist seit Vietnam besonders sensibel. Anders formuliert: Niemand kann derzeit gesichert vorhersagen, ob das amerikanische oder das irakische Zeitkalkül letztlich aufgeht - sicher ist nur, dass für die Strategen beider Seiten der Faktor Zeit eine ganz wesentliche Rolle spielt. Das tut er auch im Blick auf die regionalen Eskalationsgefahren im arabischen Raum.

Noch ist es durchaus möglich, dass die USA und ihre Alliierten doch noch einen relativ schnellen Sieg erringen; möglich ist aber auch, dass genau diese Aussicht bereits nicht mehr besteht. Der Propaganda-Nebel macht ein Urteil aus der Distanz schwer. Nur eins ist wiederum klar: Je länger der Krieg dauert, desto höher die Zahl seiner Opfer auf beiden Seiten.

 

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