"Früher wäre sogar noch besser gewesen"
Interview mit Otfried Nassauer
Barack Obamas Ankündigung, den geplanten US-Raketenschild
in Europa doch nicht einrichten zu wollen, wirft Fragen auf: nach der
zukünftigen Sicherheitsstrategie der NATO und dem Umgang mit der
Bedrohung durch den Iran. Der freie Journalist Otfried Nassauer hat sich
jahrelang mit dieser Thematik befasst. Als Direktor des Berliner Informationszentrums
für internationale Sicherheit (BITS) veröffentlicht er regelmäßig
Fachpublikationen zu weltweiten Rüstungsaktivitäten und stellt
seine Expertise deutschen Parlamentariern genauso wie internationalen
Medien zur Verfügung.
Im derStandard.at-Interview sprach er über das neue Verhältnis
zwischen Russland und den USA, die Zukunft der NATO und darüber,
wie die Vision einer atomwaffenfreien Welt irgendwann tatsächlich
Realität werden könnte.
derStandard.at: Mit seiner Absage an den Raketenschild
in Polen und Tschechien sei Präsident Obama "vor Russland eingeknickt",
sagen die Konservativen in den USA. Hätte er sich einen anderen Zeitpunkt
für diese Ankündigung suchen sollen?
Otfried Nassauer: Später wäre das unmöglich gegangen,
früher wäre sogar noch besser gewesen. Obama hatte schon im
Wahlkampf angekündigt, das von Bush forcierte System gegen Langstreckenraketen
auf seine Notwendigkeit und technische Machbarkeit zu überprüfen.
Außerdem muss er bis Ende des Jahres Berichte zur mittelfristigen
Verteidigungsplanung und Nuklear-Strategie der USA vorlegen. Und er musste
das Verhältnis zu Russland verbessern: Denn die Nachfolge für
das im Dezember auslaufende START-I-Abkommen muss so schnell wie möglich
unter Dach und Fach gebracht werden.
derStandard.at: Statt des Raketenschilds kündigte
er nun an, bis 2015 ein "smartes, kosteneffizienteres" System
einsetzen zu wollen. Inwiefern ist das geplante System denn schlauer?
Otfried Nassauer: Die Bush-Regierung hat die Bedrohung durch Langstreckenraketen
des Iran immer überdramatisiert, weil sie den Raketenschild unbedingt
wollte. Fakt ist: Der Iran hat keine einsatzfähigen Langstreckenraketen.
Selbst die Mittelstreckenraketen sind noch lange keine echte Bedrohung
- bei einer Reichweite von etwa 2000 Kilometern landen mehr als 50 Prozent
kilometerweit vom Ziel entfernt. Das ist zu ungenau für einen ernsthaften
militärischen Einsatz. Obama will sich auf die reale Bedrohung konzentrieren:
Indem er beispielsweise in der Türkei oder Israel, die tatsächlich
bald im Zielgebiet funktionierender Raketen liegen könnten, ein Abwehrsystem
aufbauen wird, das zum Teil auch auf Schiffen stationiert werden soll.
derStandard.at: Welche Rolle spielte das Budget bei
dieser Entscheidung?
Otfried Nassauer: Eine untergeordnete. Aber natürlich möchte
er auch die ausufernden Verteidigungsausgaben ein bisschen eindämmen
und kein Geld für technische Spielereien aufwenden, deren Umsetzbarkeit
sehr stark zu bezweifeln ist.
derStandard.at: Er ist Russland sehr entgegengekommen.
Wie wirkt sich das auf die Verhandlungen für den neuen Abrüstungsvertrag
zwischen den beiden Staaten aus?
Otfried Nassauer: Obama hat das Klima verbessert, das war auch seine
Intention. Sicher wird das Nachfolgeabkommen für START I nicht so
tiefgehende Einschnitte beinhalten, wie Obama sie vielleicht vorschlagen
würde. Die Zeit reicht leider nicht, um die dafür wesentlichen
technischen Vereinbarungen vorbereiten zu können. Beide Staaten werden
wohl weiterhin mehr als 1500 Sprengköpfe behalten dürfen. Ich
hoffe aber, dass Gespräche über ein weiteres Abkommen vereinbart
werden.
derStandard.at: Die USA mussten Polen im Gegenzug zur
Einrichtung des Abwehrsystems die Stationierung von Patriot-Luftabwehrraketen
versprechen. Könnte das die Beziehung zu Russland gefährden?
Otfried Nassauer: Mal sehen, ob es wirklich dazu kommt. Auch das könnte
eine kleinere politische Konfrontation mit Russland hervorrufen, weil
Moskau nach der deutschen Vereinigung und bei der NATO-Erweiterung ja
zugesichert wurde, dass keine signifikanten Fähigkeiten der USA dauerhaft
in den neuen Mitgliedsstaaten stationiert würden.
derStandard.at: Die neue Sicherheitsstrategie wird anhand
der jüngsten Entwicklungen auch innerhalb der NATO diskutiert werden.
Sie haben zu ihrem 60-jährigen Bestehen geschrieben: "Change
- no we can't". Ist ein Wandel doch noch in Sicht?
Otfried Nassauer: Es geht jetzt primär um die Diskussion der Frage:
"Wie organisieren wir die europäische Sicherheit? Als Sicherheit
vor Russland, oder als Sicherheit mit Russland?" Wird Russland als
gleichwertiger Kooperationspartner gesehen, lassen sich viele offene Fragen
konstruktiver angehen. Obama will mit Moskau zusammenarbeiten, wo das
geht - zum Beispiel beim iranischen Atomprogramm. Ich glaube, die NATO
wird auf diese neue Linie einsteigen. Weil die USA es so wollen, weil
ein Großteil der alten Mitglieder es auch so gutheißt und
weil auch Polen dagegen kein Veto einlegen wird.
derStandard.at: Glauben Sie, dass die neue Linie auch
irgendwann zu einer Lösung der Iran-Frage führen könnte?
Otfried Nassauer: Obama macht jetzt schon etwas anders, als Bush: Er
ist zu Gesprächen mit Teheran bereit. Nach 30 Jahren der diplomatischen
Funkstille soll es erstmals direkte Verhandlungen geben. Das Klügste
wäre, dem Iran nicht nur Forderungen zu stellen, sondern mit ihm
zu kooperieren: "Ihr wollt die Nukleartechnik nutzen? Dann helft
uns, ausreichend strenge Kontrollinstrumente zu entwickeln, damit militärischer
Missbrauch unmöglich wird." So würde der Iran politisch
aufgewertet - ein echtes Angebot.
derStandard.at: Noch ist es nicht soweit. Irans Präsident
Mahmud Ahmadi-Nejad sagt: "Wir brauchen keine Atomwaffen, werden
unser Atomprogramm aber niemals aufgeben." Was steckt hinter dieser
Rhetorik?
Otfried Nassauer: Der Iran möchte nicht einseitig auf Rechte verzichten
müssen: Er will Kernenergie und Anreicherung zivil nutzen, weil allen
anderen nicht-nuklaeren Staaten das auch dürfen. Da ihm bisher militärische
Aktivitäten nicht nachgewiesen werden konnten, sollte man ihn beim
Wort nehmen.
derStandard.at: Obama hat im April von
seiner Vision einer atomwaffenfreien Welt gesprochen. Wenn sie fest die
Augen zukneifen, glauben Sie an diesen Traum?
Otfried Nassauer: Eine atomwaffenfreie Welt ist möglich. Es gibt
das Totschlagargument, dass man das Wissen, wie man eine Atombombe baut,
nicht mehr rückgängig machen kann. Doch das trifft hier nicht
zu. Man könnte funktionierende Kontrollinstrumente schaffen, um einen
Staat, der wieder bei Null anfängt und Kernwaffen baut, dabei zu
„erwischen" und rechtzeitig Druck auszuüben.
derStandard.at: Sie schrieben aber auch, dass es eine
"doppelte Null-Lösung" geben müsste, also eine Welt
ohne Atomwaffen und ohne Kernenergie. Warum?
Otfried Nassauer: Uran ist eine begrenzte Ressource,
genauso wie Öl oder Gas. Um langfristig Kernenergie zu nutzen, muss
man Wiederaufbereitung betreiben. Das räumt das größte
Hindernis auf dem Weg zur Bombe beiseite: die Beschaffung atomaren Materials.
Diesen Zugang sollte man versperren und nicht erleichtern. Wenn ganz auf
Kernenergie verzichtet würde, wäre eine atomwaffenfreie Welt
viel leichter möglich. Aber beides wird wohl noch Jahrzehnte dauern.
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Das Interview führte Rebecca Sandbichler |

ist freier Journalist und leitet
das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit - BITS
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