Neue Presse Hannover - Interview
04. April 2009


"Die NATO zeigt tiefe Risse"

Interview mit Otfried Nassauer

Neue Presse: Braucht die Nato eine neue „strategische Vision“, wie sie die USA fordern?

Nassauer: Die Nato hat nach 15 Jahren, in denen sie jetzt außerhalb des eigentlichen Verteidigungsgebietes im Einsatz war, wachsende Legitimationsprobleme. Der Öffentlichkeit konnten diese „out of area“- Einsätze nie ausreichend begründet werden, weshalb vor allem in Europa die Unterstützung bröckelt.


Haben die inzwischen 28 Partner noch die gleichen strategischen Ziele?

Nassauer: Nein. Viele neue Mitglieder – etwa Polen und die Balten – sehen in der Nato vor allem ein Schutzbündnis vor Russland. Die alten Mitglieder – auch Deutschland – wollen Sicherheitspolitik in Europa gemeinsam mit Russland gestalten. Die USA haben das als Grundwiderspruch erkannt und fordern deshalb jetzt eine große Reform.


Deutschland würde eine kleine Reform mit einer Stärkung europäischer Ansätze reichen…

Nassauer: Das würde die Widersprüche aber nur zudecken. Eine Reform der Nato kann nur gelingen, wenn man sich viel Zeit nimmt und die internen Konflikte offen angeht.


Und wie?

Nassauer: Indem man die Nato wieder zum Ort gemeinsamer Entscheidungen macht, indem die USA Russland in die europäische Sicherheitspolitik intensiv einbeziehen und den neuen NATO-Mitglieder zeigen, dass konstruktive Zusammenarbeit möglich ist. Außerdem dürften Auslandseinsätze nur dann stattfinden, wenn es ein UN-Mandat gibt. Dann wären sein zwar seltener, aber auch besser begründet.


Und welches Einsatzfeld hat die Nato der Zukunft?

Nassauer: Das hält man bewusst vage. Feinde, die die Nato militärisch herausfordern könnten, gibt es nicht. Aber es gibt Gegner, mit denen einige Mitglieder künftig einen Konflikt fürchten: Russland und Iran zum Beispiel. Sicher ist, dass die Amerikaner eine global tätige Nato wollen – also ein Militärbündnis, das seine Aufgaben weltweit sieht.


Eine Weltpolizei?

Nassauer: Als Weltpolizist würden sich die USA eher selbst sehen. Die Nato wäre eher der Hilfssheriff. Aber die Obama-Regierung ist bereit, den Hilfssheriff zu fragen, ob er in den Einsatz will. Das wäre ein kleiner Fortschritt, weil er auch nein sagen kann.


Das Interview führte Anja Schmiedeke


 

ist freier Journalist und leitet das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit - BITS