Nach der Nuklear-Konferenz
Iran könnte sich bestärkt fühlen
Interview mit Otfried Nassauer
US-Präsident Obama zeigt sich nach der Nuklear-Konferenz in Washington
zufrieden. Er lobt die "echten Fortschritte" im Bemühen, "die
Welt sicherer zu machen". Doch wie schätzen Experten das Ergebnis
ein? Otfried Nassauer, Friedensforscher und Leiter des Berliner Informationszentrums
für Transatlantische Sicherheit, sagt im Interview mit n-tv.de,
was unter den Tisch gefallen ist. Und warum es ein Fehler war, den Iran
nicht einzuladen.
n-tv.de: Herr Nassauer, der Atom-Gipfel ist beendet. Was ist das wichtigste
Ergebnis?
Otfried Nassauer: Das wichtigste Ergebnis ist, dass er überhaupt
stattgefunden hat und es damit ein Signal für multinationale Nichtverbreitungsbemühungen
gibt. Dieses Signal ist allerdings beschränkt auf zwei gefährliche
Materialien, nämlich hoch angereichertes Uran und bereits abgetrenntes
Plutonium, also die beiden Stoffe, mit denen man tatsächlich Atomwaffen
bauen kann. Zu kurz kamen andere Materialien, mit denen etwa eine schmutzige
Bombe bestückt werden kann. Außerdem hat der Gipfel keine
verbindlichen Verpflichtungen geschaffen, sondern nur einen unverbindlichen
Arbeitsplan, der jetzt auf der Basis von Goodwill mit Leben gefüllt
werden muss.
Innerhalb von vier Jahren soll hoch angereichertes Uran und Plutonium
gesichert werden. Ist das realistisch?
Das ist durchaus nicht unrealistisch. Und zwar, weil es auf der Welt
nur zwischen 100 und 200 Orte gibt, an denen sich solches Material überhaupt
befindet. Und von einigen Staaten sind während der Konferenz ja
auch entsprechende Zusagen gemacht worden. Russland hat zum Beispiel
versprochen, seinen letzten Plutonium-Produktionsreaktor abzuschalten.
Und Chile, Mexiko und die Ukraine haben sich bereiterklärt, auf
hoch angereichertes Uran in ihren Forschungsreaktoren zu verzichten.
Sie äußerten im Vorfeld, der Gipfel sei Teil einer Gut-Wetter-Offensive
von US-Präsident Obama. Hat sich Ihre Ansicht geändert?
Nein, sie hat sich nicht geändert. Der Gipfel ist Teil einer Triade
auf dem Weg zu Obamas Vision von einer atomwaffenfreien Welt. Obama hat
versucht, mit diesem Gipfel Gut-Wetter zu machen im Hinblick auf die
im nächsten Monat stattfindende Überprüfungskonferenz
für den Atomwaffen-Sperrvertrag. Er ist auch in Vorlage getreten
- und zwar nach dem Motto: Wir tun etwas, nun muss diese Konferenz auch
Butter bei die Fische packen.
Welches Signal geht von dem Gipfel in den Iran und nach Nordkorea?
Eigentlich keines, das die Regierungen dort als Signal empfinden würden.
Obama will gegenüber dem Rest der Welt zeigen, dass jedem, der unter
Proliferationsverdacht steht, die totale Isolation droht. Das ist zwar
ein politisches Signal - ob dadurch aber der Iran und Nordkorea an ihrem
Handeln gehindert werden, kann man stark bezweifeln. Es könnte sich
auch genau umgekehrt auswirken. Die beiden Staaten könnten sich
auch bestätigt fühlen, so weiterzumachen wie bisher.
War es demnach ein Fehler, den Iran und Nordkorea nicht einzuladen?
Ich glaube, das kann man so sehen. Ich gehe davon aus, dass isolierte
Länder mit Stolz reagieren und dann zeigen wollen, dass sie sich
nicht in die Ecke stellen lassen. Mit anderen Worten: Es besteht die
Gefahr, dass aus einer solchen Politik in einer Art sich selbst erfüllender
Prophezeiung Projekte werden, in deren Rahmen dann Atomwaffen gebaut
werden.
Die Niederlande fordern eine Art Nukleartribunal nach dem Vorbild
des Sondergerichtshofs in Den Haag. Dort solle angeklagt werden, wer
mit
nuklearwaffenfähigem Material handelt. Was halten Sie von dem Vorstoß?
Das ist eine interessante Idee. Eine solche Drohung könnte gegen
Täter durchaus wirken. Allerdings setzt das voraus, dass alle Staaten
mitmachen - und zwar auch die großen. Wenn Sie aber etwa an den
Internationalen Strafgerichtshof denken, an dem es um Kriegsverbrechen
geht, dann sind die Vereinigten Staaten dort zum Beispiel nicht dabei.
Was denken Sie über die starre Haltung Frankreichs, das sagt,
es werde niemals auf Atomraketen verzichten?
Französische Präsidenten haben schon immer Profil dadurch
gewonnen, dass sie sich aus Anlass von Großereignissen in den USA
anders geäußert haben als der Gastgeber.
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Das Interview führte Jochen Müter |

ist freier Journalist und leitet
das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit - BITS
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