Berliner Zeitung
09. April 2010


"Russland und die USA tricksen beim Zählen"

Sicherheitsexperte Nassauer kritisiert neuen Start-Vertrag

Seit drei Tagen gibt es eine neue US-Atomstrategie, seit gestern einen neuen Start-Abrüstungsvertrag. Dennoch ist der Sicherheitsexperte Otfried Nassauer vom Informationszentrum Bits in Berlin nur mäßig begeistert.

Herr Nassauer, ist der Durchbruch zur globalen Abrüstung geschafft?

Der Durchbruch sicher nicht, aber hoffentlich ein neuer Einstieg. Das Wichtigste am neuen Start-Vertrag ist, dass es ihn überhaupt gibt; dass Russland und die USA zur vertraglich vereinbarten Abrüstung und Vertrauensbildung zurückkehren. Die Abrüstungsschritte sind dagegen ziemlich klein ausgefallen.


Klein? Moskau und Washington halbieren doch die Zahl der Trägersysteme und reduzieren die der Sprengköpfe um mindestens 30 Prozent.

Das ist gut gemachte Werbung, hat aber wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Tatsächlich erlaubte der alte Start-Vertrag von 1991 noch doppelt so viele Trägersysteme, aber er beschreibt nicht mehr die Realität. Wer die heute noch vorhandenen Trägerwaffen mit den Vorgaben des neuen Start-Vertrages vergleicht, stellt fest: Die USA müssen nur ein paar Dutzend Trägersysteme abrüsten. Und Russland dürfte sogar noch deutlich aufrüsten - wenn es das denn bezahlen könnte.


Und die Atomsprengköpfe?

Auch da gibt es mehr Schein als Sein: Gezählt werden nur die stationierten Sprengköpfe, nicht die Reserven. Und bei den stationierten wird beim Zählen zusätzlich getrickst. Wenn ein Bomber, der 16 oder 20 Atomwaffen tragen kann und im alten Start-Vertrag als zehn Waffen zählte, künftig nur als eine einzige Waffe gewertet wird, hat das zwei Folgen: Erstens werden Hunderte Waffen nur auf dem Papier "abgerüstet". Und zweitens dürfen beide Vertragsparteien einige Hundert Waffen mehr behalten als die offiziell vereinbarten 1 550.


Sie unterstellen Amerikanern und Russen, sie hätten bei der Zählung ihrer Waffen geschummelt?

Zumindest rechnen sie sich ihre Abrüstung schön. Dafür haben sie auch ein Motiv. Im Mai wird der Atomwaffensperrvertrag überprüft. Die Weiterverbreitung atomarer Waffen soll erschwert werden. Das erreicht man aber nur, wenn die Nuklearwaffenstaaten akzeptieren, dass Obamas Vision einer atomwaffenfreien Welt keine Vision ist und auch kein frommer Wunsch für den Sanktnimmerleinstag, sondern ihre völkerrechtliche Verpflichtung nach Artikel 6 dieses Vertrages. Der neue Start-Vertrag soll zeigen, dass abgerüstet wird. Wie groß diese Abrüstung in Wirklichkeit ausfällt, steht auf einem anderen Blatt.


Was bedeutet der neue Vertrag für die US-Atomwaffen in Deutschland?

Nichts. Darüber wurde nicht geredet. Ihr Verbleib in Deutschland ist sogar wieder etwas wahrscheinlicher geworden. Denn in der neuen Atomstrategie hat Washington einen Abzug der Waffen von einem Konsensbeschluss der Nato abhängig gemacht. Das Veto eines einzigen Nato-Staates reicht damit aus, um den Abzug zu verhindern. Außerdem hat Obamas Regierung sich bereit erklärt, diese Waffen zu modernisieren. Unser Außenminister dürfte sich ärgern.


Reichen die künftigen Atomwaffenpotenziale eigentlich noch immer aus, um die Menschheit mehrfach zu vernichten?

Das hab ich lange nicht mehr nachgerechnet, muss ich gestehen. Aber auf der Erde gibt es etwa 300 Städte mit mehr als einer Million Einwohner. Der neue Start-Vertrag erlaubt Russen wie Amerikanern immer noch etwa fünf Waffen für jede dieser Metropolen - die im eigenen Land eingeschlossen.

Das Interview führte H. Berlekampr


 

ist freier Journalist und leitet das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit - BITS