Bewaffnete CIA-Drohnen über Pakistan
Wirksame Instrumente im asymmetrischen Krieg gegen Aufständische?
Gastbeitrag von Thomas Horlohe
5. August 2009: Über dem Dorf Sangara in der pakistanischen
Grenzprovinz Süd-Waziristan kreist eine US-Drohne vom Typ Predator. Die
von einer Infrarotkamera aufgenommenen Bilder werden per Satellit live
in die CIA-Zentrale in Langley, Virginia, übertragen. Was auf den
Monitor zu sehen ist, beschreibt der pakistanische Innenminister Rehman
Malik, dem wenig später eine Aufzeichnung gezeigt wurde:
Sprecher
„Auf dem erstaunlich scharfen Bild sieht man einen bärtigen Mann in
landestypischer Kleidung auf dem Flachdach eines Hauses. Sein Alter:
Ende 30. Er legt sich zurück. Ein Frau und ein anderer Mann sind
ebenfalls auf der Dachterrasse. Der liegenden männlichen Person wird
eine Infusion gelegt. Der Bildausschnitt wird vergrößert, so dass der
gesamte Körper des liegenden Mannes zu sehen ist. Plötzlich eine weiß
grelle Explosionswolke. Es ist nichts mehr zu sehen.“
Die Videoaufnahme zeigt die gezielte Tötung von Baitullah Mehsud durch
eine Hellfire-Rakete der Predator-Drohne. Mehsud war einer der
meistgesuchten Terroristen in Pakistan. Ihm wurden unter anderem das
Attentat auf die frühere Premierministerin Benazir Bhutto im Dezember 2007
und der Bombenanschlag auf das Marriot-Hotel in Islamabad im September 2008
zur Last gelegt. Damals starben mehr als 50 Menschen. Baitullah Mehsud war
Diabetiker und hatte ein Nierenleiden. Der zweite Mann auf dem Dach war sein
Onkel, ein Arzt. Die weibliche Person seine Ehefrau. Neben Mehsud werden
insgesamt elf weitere Personen durch den Drohnen-Einsatz getötet.
CIA-Direktor Panetta selbst soll die Freigabe für den Angriff erteilt haben.
Die gezielte Tötung Mehsuds erfolgte auf Anordnung von US-Präsident Obama.
Im sogenannten Krieg gegen den Terror im afghanisch-pakistanischen
Grenzgebiet setzen die USA inzwischen vor allem auf Drohnen, wie die
unbemannten Luftfahrzeuge umgangssprachlich genannt werden. Eine
Untersuchung der NEW AMERICA FOUNDATION zählte im ersten Jahr der Regierung
Obama 53 Drohnen-Einsätze. Während der gesamten Amtszeit von Präsident Bush
waren es dagegen nur 45. Schon während des Präsidentschaftswahlkampfes hatte
Obama versucht, sich gegenüber dem Amtsinhaber Bush mit einem Bekenntnis zu
gezielten Tötungen von Al-Qaida-Führern zu profilieren. Kenneth Anderson,
Professor für Kriegsvölkerrecht in Washington, formuliert bewusst
provozierend:
Zitat Prof. Anderson „Es wäre zwar eine Übertreibung zu behaupten, dass Barack Obama der erste
Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ist, der mit
einem Wahlprogramm angetreten ist, das auch auf gezielten Tötungen beruht -
aber es wäre nur eine kleine Übertreibung.“
Ausschlaggebend für die wachsende Bedeutung der UAVs, also der Unmanned
Aerial Vehicles, im Anti-Terror-Kampf sind die politischen Bedingungen,
unter denen der Feldzug gegen Al-Qaida und Taliban in den Grenzprovinzen
Pakistans geführt wird. Die Regierung Pakistans duldet auf ihrem
Staatsgebiet amerikanisches Militär nur als Berater oder Ausbilder. Deshalb
werden die Operationen mit bewaffneten Drohnen von der CIA durchgeführt -
vor allem vom afghanischen Stützpunkt Jalalabad aus. Die CIA-Drohnen starten
allerdings auch in Pakistan selbst. CIA-Direktor Panetta gestand im Mai
vergangenen Jahres offen ein, dass Drohnen-Angriffe für die USA allein schon
deshalb das beste Instrument im Kampf gegen Taliban und Al-Qaida sind, weil
auf pakistanischem Gebiet gar kein anderes Mittel zur Verfügung steht.
Je länger der Krieg der fliegenden Roboter am Hindukusch dauert, desto
stärker werden die zivilen Opfer zum Thema. In den vergangenen zwei Jahren
sollen durch Drohnen mindestens 800 Menschen getötet worden sein. Aufgrund
seriöser öffentlicher Quellen schätzen Peter Bergen und Katherine Tiedemann
von der NEW AMERICA FOUNDATION den Anteil unbeteiligter Zivilisten, die im
Zeitraum von 2004 bis 2009 getötet wurden, auf durchschnittlich 32 Prozent.
Im vergangenen Jahr sei der Anteil auf 24 Prozent gesunken. Aus
Geheimhaltungsgründen kann die CIA ihren Kritikern offiziell keine eigenen
Zahlen entgegenhalten, obwohl die Versuchung offenbar groß ist. Auf einer
Veranstaltung im vergangenen Oktober musste sich CIA-Direktor Panetta
erkennbar zügeln, um dann doch den Kritikern eher grundsätzlich zu
antworten:
O-Ton Panetta (overvoice) „Tatsache ist, dass wir diese Waffen nur auf jene gerichtet haben, die
Feinde der Vereinigten Staaten sind. Wir haben sorgfältig sichergestellt,
dass wir nur die verfolgen, die solche Ziele darstellen.“
Nach inoffiziellen Angaben aus US-Regierungskreisen liegt der Anteil
getöteter Zivilisten deutlich unter dem Wert von 24 Prozent, den die NEW
AMERICA FOUNDATION ermittelt hat. Tendenz weiter sinkend. Das ist durchaus
plausibel. Denn die Drohnen-Piloten sammeln immer mehr Einsatzerfahrung. Die
Taktik und die Einsatzverfahren werden verbessert. Außerdem werden die 100
Pfund schweren Hellfire-Raketen durch 35 Pfund leichte neue Raketen vom Typ
Scorpion ersetzt. Dieses neue Waffensystem wurde eigens für die unbemannten
Predator–Luftfahrzeuge entwickelt. Es kann mit vier verschiedenen
Lenksystemen ausgestattet werden und Einzelpersonen auch bei vollständiger
Dunkelheit treffen.
Die Befürworter des Drohnen-Feldzuges halten den Kritikern zudem die
militärischen Alternativen entgegen. Bombenangriffe mit F-16 Jagdbombern der
pakistanischen Luftwaffe oder Artilleriebeschuss würden ungleich höhere
Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung fordern, als gezielte Tötungen mit
Präzisionswaffen.
Doch präzise Angriffe mit Drohnen setzen präzise und zuverlässige
Informationen voraus. Andernfalls nützen auch noch so punktgenaue
Waffensysteme wenig. Der gezielten Tötung von Baitullah Mehsud im August
letzten Jahres sollen 15 Fehlversuche über einen Zeitraum von 14 Monaten
vorausgegangen sein. Es heißt, dabei seien möglicherweise bis zu 321
Menschen getötet worden. Das wirft ein etwas anderes Licht auf die Angaben
über unbeabsichtigte Opfer. Und das bedeutet auch, dass von den insgesamt 53
UAV- bzw. Drohnen-Angriffen im vergangenen Jahr ein knappes Drittel einer
einzigen Zielperson galt. Der Taliban-Führer Baitullah Mehsud war ganz
offensichtlich ein Ziel mit höchster Priorität – ein Ziel, das mit allen
Mitteln gejagt wurde, aber sehr schwer zu orten war. Das Hauptproblem im
Drohnen-Krieg am Hindukusch ist der Mangel an sogenannter „Actionable
intelligence“: Aufklärungsergebnisse und nachrichtendienstliche
Erkenntnisse, die für UAV-Einsätze nutzbar sind. Die netzwerkartige Struktur
der verschiedenen Taliban-Gruppen verändert sich ständig. Die CIA trägt mit
ihren Erfolgen selbst maßgeblich dazu bei. Indem sie deren Führungspersonen
auf ihrer Hit-Liste nacheinander gezielt tötet, zwingt sie die
Aufständischen zur permanenten Umgruppierung.
Unter diesen Umständen sind zuverlässige Informanten und Agenten besonders
wertvoll. Dem jordanischen Geheimdienst war es gelungen, einen Agenten bei
den Taliban einzuschleusen. Am 30. Dezember letzten Jahres war ein Treffen
auf der US-Operationsbasis Chapman nahe der afghanischen Provinzhauptstadt
Khost verabredet worden. Anlass genug für den zweithöchsten CIA-Vertreter in
Afghanistan aus Kabul anzureisen, um persönlich bei dem Treffen dabei zu
sein. Doch der Informant war zu den Taliban übergelaufen und sprengte sich
in die Luft. Der Selbstmordattentäter riss sieben CIA-Mitarbeiter, seinen
jordanischen Führungsoffizier und zwei Söldner der Firma Xe-Services,
vormals Blackwater, mit in den Tod. Zwei der getöteten US-Agentinnen waren
auf die Struktur von Al-Qaida spezialisiert. Sie werteten Informationen für
die Zielplanung aus und waren für den Erfolg der Drohnen-Kampagne von
entscheidender Bedeutung. Vieles spricht dafür, dass der
Selbstmordattentäter von den Aufständischen sehr zielgenau eingesetzt wurde
- als Reaktion auf die US-Drohnen-Attacken. Ein Schlag, der die CIA
empfindlich getroffen hat. Fliegende Roboter gegen fanatische
Selbstmordattentäter - wahrhaftig ein asymmetrischer Krieg.

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