Gastbeitrag
Streitkräfte und Strategien - NDR info
05. Juni 2010


Bewaffnete CIA-Drohnen über Pakistan

Wirksame Instrumente im asymmetrischen Krieg gegen Aufständische?

Gastbeitrag von Thomas Horlohe


5. August 2009: Über dem Dorf Sangara in der pakistanischen Grenzprovinz Süd-Waziristan kreist eine US-Drohne vom Typ Predator. Die von einer Infrarotkamera aufgenommenen Bilder werden per Satellit live in die CIA-Zentrale in Langley, Virginia, übertragen. Was auf den Monitor zu sehen ist, beschreibt der pakistanische Innenminister Rehman Malik, dem wenig später eine Aufzeichnung gezeigt wurde:

Sprecher
„Auf dem erstaunlich scharfen Bild sieht man einen bärtigen Mann in landestypischer Kleidung auf dem Flachdach eines Hauses. Sein Alter: Ende 30. Er legt sich zurück. Ein Frau und ein anderer Mann sind ebenfalls auf der Dachterrasse. Der liegenden männlichen Person wird eine Infusion gelegt. Der Bildausschnitt wird vergrößert, so dass der gesamte Körper des liegenden Mannes zu sehen ist. Plötzlich eine weiß grelle Explosionswolke. Es ist nichts mehr zu sehen.“

Die Videoaufnahme zeigt die gezielte Tötung von Baitullah Mehsud durch eine Hellfire-Rakete der Predator-Drohne. Mehsud war einer der meistgesuchten Terroristen in Pakistan. Ihm wurden unter anderem das Attentat auf die frühere Premierministerin Benazir Bhutto im Dezember 2007 und der Bombenanschlag auf das Marriot-Hotel in Islamabad im September 2008 zur Last gelegt. Damals starben mehr als 50 Menschen. Baitullah Mehsud war Diabetiker und hatte ein Nierenleiden. Der zweite Mann auf dem Dach war sein Onkel, ein Arzt. Die weibliche Person seine Ehefrau. Neben Mehsud werden insgesamt elf weitere Personen durch den Drohnen-Einsatz getötet. CIA-Direktor Panetta selbst soll die Freigabe für den Angriff erteilt haben. Die gezielte Tötung Mehsuds erfolgte auf Anordnung von US-Präsident Obama.

Im sogenannten Krieg gegen den Terror im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet setzen die USA inzwischen vor allem auf Drohnen, wie die unbemannten Luftfahrzeuge umgangssprachlich genannt werden. Eine Untersuchung der NEW AMERICA FOUNDATION zählte im ersten Jahr der Regierung Obama 53 Drohnen-Einsätze. Während der gesamten Amtszeit von Präsident Bush waren es dagegen nur 45. Schon während des Präsidentschaftswahlkampfes hatte Obama versucht, sich gegenüber dem Amtsinhaber Bush mit einem Bekenntnis zu gezielten Tötungen von Al-Qaida-Führern zu profilieren. Kenneth Anderson, Professor für Kriegsvölkerrecht in Washington, formuliert bewusst provozierend:

Zitat Prof. Anderson
„Es wäre zwar eine Übertreibung zu behaupten, dass Barack Obama der erste Präsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ist, der mit einem Wahlprogramm angetreten ist, das auch auf gezielten Tötungen beruht - aber es wäre nur eine kleine Übertreibung.“

Ausschlaggebend für die wachsende Bedeutung der UAVs, also der Unmanned Aerial Vehicles, im Anti-Terror-Kampf sind die politischen Bedingungen, unter denen der Feldzug gegen Al-Qaida und Taliban in den Grenzprovinzen Pakistans geführt wird. Die Regierung Pakistans duldet auf ihrem Staatsgebiet amerikanisches Militär nur als Berater oder Ausbilder. Deshalb werden die Operationen mit bewaffneten Drohnen von der CIA durchgeführt - vor allem vom afghanischen Stützpunkt Jalalabad aus. Die CIA-Drohnen starten allerdings auch in Pakistan selbst. CIA-Direktor Panetta gestand im Mai vergangenen Jahres offen ein, dass Drohnen-Angriffe für die USA allein schon deshalb das beste Instrument im Kampf gegen Taliban und Al-Qaida sind, weil auf pakistanischem Gebiet gar kein anderes Mittel zur Verfügung steht.

Je länger der Krieg der fliegenden Roboter am Hindukusch dauert, desto stärker werden die zivilen Opfer zum Thema. In den vergangenen zwei Jahren sollen durch Drohnen mindestens 800 Menschen getötet worden sein. Aufgrund seriöser öffentlicher Quellen schätzen Peter Bergen und Katherine Tiedemann von der NEW AMERICA FOUNDATION den Anteil unbeteiligter Zivilisten, die im Zeitraum von 2004 bis 2009 getötet wurden, auf durchschnittlich 32 Prozent. Im vergangenen Jahr sei der Anteil auf 24 Prozent gesunken. Aus Geheimhaltungsgründen kann die CIA ihren Kritikern offiziell keine eigenen Zahlen entgegenhalten, obwohl die Versuchung offenbar groß ist. Auf einer Veranstaltung im vergangenen Oktober musste sich CIA-Direktor Panetta erkennbar zügeln, um dann doch den Kritikern eher grundsätzlich zu antworten:

O-Ton Panetta (overvoice)
„Tatsache ist, dass wir diese Waffen nur auf jene gerichtet haben, die Feinde der Vereinigten Staaten sind. Wir haben sorgfältig sichergestellt, dass wir nur die verfolgen, die solche Ziele darstellen.“

Nach inoffiziellen Angaben aus US-Regierungskreisen liegt der Anteil getöteter Zivilisten deutlich unter dem Wert von 24 Prozent, den die NEW AMERICA FOUNDATION ermittelt hat. Tendenz weiter sinkend. Das ist durchaus plausibel. Denn die Drohnen-Piloten sammeln immer mehr Einsatzerfahrung. Die Taktik und die Einsatzverfahren werden verbessert. Außerdem werden die 100 Pfund schweren Hellfire-Raketen durch 35 Pfund leichte neue Raketen vom Typ Scorpion ersetzt. Dieses neue Waffensystem wurde eigens für die unbemannten Predator–Luftfahrzeuge entwickelt. Es kann mit vier verschiedenen Lenksystemen ausgestattet werden und Einzelpersonen auch bei vollständiger Dunkelheit treffen.

Die Befürworter des Drohnen-Feldzuges halten den Kritikern zudem die militärischen Alternativen entgegen. Bombenangriffe mit F-16 Jagdbombern der pakistanischen Luftwaffe oder Artilleriebeschuss würden ungleich höhere Opferzahlen unter der Zivilbevölkerung fordern, als gezielte Tötungen mit Präzisionswaffen.

Doch präzise Angriffe mit Drohnen setzen präzise und zuverlässige Informationen voraus. Andernfalls nützen auch noch so punktgenaue Waffensysteme wenig. Der gezielten Tötung von Baitullah Mehsud im August letzten Jahres sollen 15 Fehlversuche über einen Zeitraum von 14 Monaten vorausgegangen sein. Es heißt, dabei seien möglicherweise bis zu 321 Menschen getötet worden. Das wirft ein etwas anderes Licht auf die Angaben über unbeabsichtigte Opfer. Und das bedeutet auch, dass von den insgesamt 53 UAV- bzw. Drohnen-Angriffen im vergangenen Jahr ein knappes Drittel einer einzigen Zielperson galt. Der Taliban-Führer Baitullah Mehsud war ganz offensichtlich ein Ziel mit höchster Priorität – ein Ziel, das mit allen Mitteln gejagt wurde, aber sehr schwer zu orten war. Das Hauptproblem im Drohnen-Krieg am Hindukusch ist der Mangel an sogenannter „Actionable intelligence“: Aufklärungsergebnisse und nachrichtendienstliche Erkenntnisse, die für UAV-Einsätze nutzbar sind. Die netzwerkartige Struktur der verschiedenen Taliban-Gruppen verändert sich ständig. Die CIA trägt mit ihren Erfolgen selbst maßgeblich dazu bei. Indem sie deren Führungspersonen auf ihrer Hit-Liste nacheinander gezielt tötet, zwingt sie die Aufständischen zur permanenten Umgruppierung.

Unter diesen Umständen sind zuverlässige Informanten und Agenten besonders wertvoll. Dem jordanischen Geheimdienst war es gelungen, einen Agenten bei den Taliban einzuschleusen. Am 30. Dezember letzten Jahres war ein Treffen auf der US-Operationsbasis Chapman nahe der afghanischen Provinzhauptstadt Khost verabredet worden. Anlass genug für den zweithöchsten CIA-Vertreter in Afghanistan aus Kabul anzureisen, um persönlich bei dem Treffen dabei zu sein. Doch der Informant war zu den Taliban übergelaufen und sprengte sich in die Luft. Der Selbstmordattentäter riss sieben CIA-Mitarbeiter, seinen jordanischen Führungsoffizier und zwei Söldner der Firma Xe-Services, vormals Blackwater, mit in den Tod. Zwei der getöteten US-Agentinnen waren auf die Struktur von Al-Qaida spezialisiert. Sie werteten Informationen für die Zielplanung aus und waren für den Erfolg der Drohnen-Kampagne von entscheidender Bedeutung. Vieles spricht dafür, dass der Selbstmordattentäter von den Aufständischen sehr zielgenau eingesetzt wurde - als Reaktion auf die US-Drohnen-Attacken. Ein Schlag, der die CIA empfindlich getroffen hat. Fliegende Roboter gegen fanatische Selbstmordattentäter - wahrhaftig ein asymmetrischer Krieg.