Falsche Rituale statt Innerer Führung
Misshandlungsvorwürfe gegen Gebirgsjäger
Andreas Flocken
Soldaten müssen rohe Schweineleber essen, Alkohol bis zum Erbrechen
trinken. In dieser Woche sind fragewürdige Mutproben und Aufnahmerituale
bei den Gebirgsjägern im bayerischen Mittenwald bekannt geworden.
Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe, spricht von einer
„Angelegenheit von offenbar größerer Dimension“:
O-Ton Robbe
„Wenn es sich um derartige Rituale handelt, dann kann man davon ausgehen,
dass sich so etwas, wenn man so will, historisch aufgebaut hat. Meine
Befürchtung ist, dass diese Dinge weit zurückreichen, und
da reden wir nicht von Jahren, sondern gegebenenfalls sogar von Jahrzehnten.“
Das hieße aber, dass die Vorgesetzten davon etwas mitbekommen haben
müssten. Im Gebirgsjägerbataillon 233 ist jetzt Aufklärung
angesagt Der zuständige Presseoffizier Peter Wozniak:
O-Ton Wozniak
„Und zwar scheint es so zu sein, dass Mannschaften, die schon länger
im Dienst sind, also ältere Mannschaften, sich bei der Aufnahme
von neu zuversetzten Soldaten, die aus der Grundausbildung gekommen
sind, sich solcher Rituale bedient haben.“
Und welche Rolle spielten die Vorgesetzten? Oberstleutnant Wozniak ist
sich sicher:
O-Ton Wozniak
„Es handelt sich hier ausschließlich um Rituale, die sich zwischen
Mannschaftsdienstgraden abgespielt haben, das heißt, also außerhalb
des Vorgesetzten/Untergebenenverhältnis, abgespielt haben.“
Inzwischen ist aber klar. Vorgesetzte wussten von diesen Praktiken. Sie
seien aber mehrfach verboten worden. Gleichzeitig zitieren Zeitungen den
Bundeswehrsprecher mit den Worten, in der Truppe hätten sich solche
„Rituale seit Ende der 80er Jahre eingebürgert“. In den vergangenen
Jahren hätten sie sich in ihrer Ausprägung und Intensität
noch gesteigert.
Also kein Einzelfall. Aufnahmerituale hat es vor Jahren regelmäßig
bei den verschiedenen Truppengattungen gegeben. Zum Teil gibt es sie auch
heute noch. Bei Pionieren sehen sie beispielsweise anders aus als bei
Panzergrenadieren. Aber fast immer war viel Alkohol im Spiel. Und manchmal
wurden auch Grenzen überschritten, wurde die Menschenwürde verletzt.
Das Konzept der Inneren Führung mit dem Leitbild vom Staatsbürger
in Uniform soll solche Entwicklungen und Exzesse eigentlich verhindern.
Doch die Innere Führung ist offenbar in einigen Verbänden nicht
immer wohlgelitten. Stattdessen macht sich manchmal ein falscher Korpsgeist
breit. Möglicherweise auch begünstigt, durch Forderungen von
Spitzenmilitärs nach einem ganz neuen Soldatentypus: Der Bundeswehr-Soldat
als „archaischer Kämpfer“ und „High-Tech-Krieger“. Damit vermittelt
man der Truppe aber, dass die Innere Führung ein Auslaufmodell ist.
Gebirgsjäger sehen sich gerne als besonders harte Männer, als
Elitetruppe, ähnlich den Fallschirmjägern oder dem Kommando
Spezialkräfte KSK. Kein Wunder, denn zu den Gebirgsjägern darf
nicht jeder. Man muss körperlich topfit sein.
Der Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 233 spricht von einem
harten und fordernden Dienst. Wie kaum eine andere Truppengattung stelle
die Gebirgsjägertruppe ganz besondere Herausforderungen an ihre Soldaten.
Gebirgsjäger sein heiße, in schwierigem alpinen Gelände,
auch bei extremen Witterungsbedingungen, seinen Auftrag zu erfüllen.
Zu dem in dieser Woche bekannt gewordenen zweifelhaften Aufnahme-Ritual
soll es im sogenannten Hochgebirgszug gekommen sein. Das ist eine Einheit
der Gebirgsjäger, an die besonders hohe Anforderungen gestellt werden.
Die Devise von Verteidigungsminister zu Guttenberg heißt jetzt:
O-Ton zu Guttenberg
„Sauber aufklären, abstellen und entsprechende Konsequenzen ziehen.
Das ist das Gebot der Stunde.“
Der Verteidigungsminister hat zum Gebirgsjägerjägerbataillon
233 ein ganz besonderes Verhältnis. Vor 20 Jahren leistete er dort
seinen Grundwehrdienst. Von den jetzt bekannt gewordenen Praktiken habe
er keine Kenntnis gehabt, sagte zu Guttenberg in einem Zeitungsinterview.
Allerdings sei er nicht bei dem nun in den Schlagzeilen stehenden Hochgebirgsjägerzug
gewesen.
Auf das Ergebnis der Untersuchungen darf man gespannt sein. Einen kleinen
Lichtblick gibt es allerdings. Diesmal hat sich ein Betroffener direkt
an den Wehrbeauftragten gewandt. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Denn über die Misshandlungen vor knapp sechs Jahren in der Kaserne
im nordrhein-westfälischen Coesfeld hatte sich keiner der Betroffenen
beschwert. Der Misshandlungsskandal war damals nur zufällig bekannt
geworden. Die Rekruten hatten geglaubt, bei einer simulierten Geiselnahme
gehörten Schläge und Elektroschocks einfach dazu. Eine Einstellung,
die deutlich macht, wie wenig die Prinzipien der Inneren Führung
bei manchen Soldaten Eingang gefunden haben.

Andreas Flocken ist Redakteur für die Hörfunk-Sendung "Streitkräfte
und Strategien" bei NDRinfo.
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