Gastbeitrag
Streitkräfte und Strategien - NDR info
12. Januar 2008


Weniger Gewalt?
Widersprüchliche Signale aus dem Irak

Andreas Flocken

Aus dem Irak gibt es widersprüchliche Signale. In den ersten drei Jahren nach der Invasion sind etwa 150.000 Zivilisten getötet worden. Das geht aus einer jetzt bekannt gewordenen Studie der UN-Gesundheitsbehörde WHO hervor. 2007 war das bisher blutigste Jahr für die US-Streitkräfte seit Beginn des Feldzuges vor vier Jahren. In den vergangenen 12 Monaten starben 899 US-Soldaten. Trotzdem zeigt sich der Befehlshaber der Koalitionstruppen im Irak, General David Petraeus zuversichtlich, die Lage in den Griff zu bekommen. Begründung: Im zweiten Halbjahr sei die Gewalt um 60 Prozent zurückgegangen. Der für die bisherige Unruheprovinz Anbar zuständige kommandierende General Walter Gaskin stellte jedenfalls kürzlich eine deutliche Verbesserung der Sicherheitslage fest:

O-Ton Gaskin (overvoice)
"Der November ist bereits der zehnte Monat mit abnehmenden Zwischenfällen. Dieser positive Trend ist das Ergebnis harter Arbeit der Koalitionstruppen und der irakischen Sicherheitskräfte sowie der Stammesführung in Anbar. Anfang des Jahres [2007] gab es täglich noch durchschnittlich 70 Vorfälle. Jetzt sind wir bei neun Zwischenfällen pro Tag, mit abnehmender Tendenz. Mehr als die Hälfte davon beziehen sich auf entdeckte nicht explodierte Sprengsätze, die wir aufspüren konnten."

Vor allem für die neokonservativen Wegbereiter des Irak-Krieges ist dieser Rückgang ein Ergebnis der massiven Truppenverstärkungen im vergangenen Jahr. Mehr als 165.000 US-Soldaten im Irak – die Truppe, die vor mehr als vier Jahren Saddam Hussein gestürzt hat, war kleiner.

Für den Wortführer der Neocons, William Kristol, hätte das TIME MAGAZINE nicht Präsident Putin zum Mann des Jahres küren sollen, sondern General David Petraeus, Befehlshaber der US-Truppen im Irak. Denn vor allem ihm und seiner Operationsplanung sei es zu verdanken, dass es weniger Gewalt im Irak gebe.

Doch die jüngste Entwicklung ist nicht allein auf die verstärkte Militärpräsenz zurückzuführen. Ein wichtiger Faktor ist, dass in den vergangenen Monaten sunnitische Stämme in mehreren Provinzen mit Al Qaida-Terroristen gebrochen haben. Sie sind jetzt dazu übergegangen, das Terrornetz zu bekämpfen – mit tatkräftiger Hilfe der Amerikaner. Außerdem hat der radikale Schiiten-Prediger Muktada al Sadr im vergangenen Jahr seinen Kampf gegen die US-Truppen vorläufig eingestellt. Auch dieser Waffenstillstand hat zu einem Rückgang der Anschläge geführt.

Ob diese Entwicklung aber dauerhaft sein wird, ist keineswegs sicher. Denn kurzfristig werden die irakischen Sicherheitskräfte die US-Soldaten nicht überall ablösen können. Auch wenn von Seiten der Militärs immer wieder von Fortschritten bei der Ausbildung der Iraker gesprochen wird. US-General Walter Gaskin:

O-Ton Gaskin (overvoice):
"Das ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt – Polizisten und Sicherheitskräfte aufzubauen, zu trainieren und gleichzeitig gegen einen brutalen Feind zu kämpfen. Die irakischen Sicherheitskräfte lösen diese Aufgabe mit Bravour. Sie konnten aber noch nicht genügend eigene Erfahrung sammeln. Dazu braucht man Zeit, die aber kommen wird."

Doch was nützen militärische Erfolge, wenn der politische Versöhnungsprozess im Irak – vor allem zwischen Sunniten und Schiiten - weiterhin nicht in Gang kommt. Die vor einem Jahr von Präsident Bush verkündeten Zwischenziele, so genannte Benchmarks, hat Bagdad weiterhin nicht erreicht - trotz aller Mahnungen und Appelle aus Washington. Die USA sind daher sichtlich unzufrieden mit dem irakischen Regierungschef al-Maliki. Vor allem gegen die Integration von Sunniten in Sicherheitsorganisationen gibt es bei den Schiiten starke Widerstände. Im Norden des Landes brodelt es ebenfalls. Mit der Türkei hat ein weiterer Akteur in den Konflikt eingegriffen. Eigentlich sollte im vergangenen Monat per Referendum über die Zukunft der ölreichen nordirakischen Region Kirkuk entschieden werden. Doch die Frage, ob Kirkuk dem autonomen Kurdengebiet zugeschlagen wird, oder Teil des arabischen Irak bleibt, ist weiterhin offen. Weil die Fronten verhärtet sind, ist die Abstimmung erst einmal um sechs Monate verschoben worden.

In den USA selbst ist der Irak inzwischen nicht mehr das dominierende Wahlkampf-Thema. Trotzdem ist die breite Öffentlichkeit für einen schnellen Abzug der US-Soldaten. Auch deshalb wird die Truppenstärke in diesem Jahr reduziert. Wenn es aber bis dahin keine echten politischen Fortschritte im Irak gibt, dann ist nicht ausgeschlossen, dass schon bald wieder erheblich mehr Anschläge zu verzeichnen sind.


 

Andreas Flocken ist Redakteur für die Hörfunk-Sendung "Streitkräfte und Strategien" bei NDRinfo.