Gastbeitrag
Streitkräfte und Strategien - NDR info
19. Mai 2007


Mohnanbau am Hindukusch

Staatengemeinschaft ignoriert weiterhin Kernproblem in Afghanistan

Andreas Flocken

An diesem Wochenende sind in Kundus bei einem Selbstmordattentat drei Bundeswehr-Soldaten und mindestens fünf Afghanen getötet worden. Der Anschlag zeigt, wie riskant der Einsatz am Hindukusch ist. Deutlich wird aber auch, dass der Konflikt militärisch allein nicht gewonnen werden kann. Eine Erkenntnis, die von NATO-Militärs und Kennern der Region immer wieder vertreten wird. Mancher schätzt den militärischen Anteil bei der Stabilisierungsaufgabe auf gerade einmal 25 Prozent. Der Auftrag der ISAF-Schutztruppe: Die afghanische Regierung zu unterstützen und für Sicherheit zu sorgen, um die Voraussetzungen für den Aufbau sowie die Entwicklung des Landes zu schaffen. Im Süden und Osten Afghanistans ist das weiterhin eine schwierige Aufgabe.

Bei der NATO ist man allerdings zuversichtlich, dass sich die Sicherheitslage in diesen Regionen schon bald verbessern wird. Kopfzerbrechen bereitet der ISAF-Führung allerdings, dass die nichtmilitärischen Bemühungen in Afghanistan erheblich ins Stocken geraten sind - trotz großer Ankündigungen und Versprechungen, die zivilen und politischen Instrumente zu stärken. Stichworte sind u.a. der Aufbau der Polizei und des Justizwesens - anders als gerne behauptet, wahrlich keine Erfolgsstorys. Bei der Schulung der Polizeikräfte hat übrigens Deutschland die Federführung.

So gut wie keine Fortschritte gibt es bei der Bekämpfung des Mohnanbaus. Voraussichtlich wird es in diesem Jahr wieder eine Rekordernte am Hindukusch geben. Planungen, Teile der Mohnfelder durch großangelegte Sprühangriffe zu vernichten, sind in diesen Tagen erst einmal auf Eis gelegt worden. Der Grund: Befürchtet wird, dass eine solche Vernichtungs-Aktion die ISAF-Operationen im Süden und Osten des Landes noch weiter erschweren könnte, - die betroffenen Bauern erst Recht in die Arme der Warlords und Drogenbarone getrieben würden. Zwar ist die NATO-geführte Schutztruppe nicht unmittelbar für die Vernichtung der Mohnfelder zuständig. Doch die ISAF-Truppe hat sich verpflichtet, die afghanische Regierung bei ihrem Kampf gegen den Opiumhandel tatkräftig zu unterstützen. U.a. mit Transportfahrzeugen und -flugzeugen, also ggf. auch mit Transall-Maschinen sowie mit Tornado-Aufklärungsergebnissen. In dem vom NATO-Rat gebilligten Operationsplan ist von einer Schlüsselaufgabe die Rede. In Notfällen – so genannten ‚in extremis’-Fällen - müsste ISAF den afghanischen Anti-Drogenteams auch mit Truppen zu Hilfe kommen. Sprühflugzeuge fliegen in niedriger Höhe über Mohnfelder. Deshalb sind sie aber gegenüber normalem Gewehrfeuer verwundbar. Weitere Konflikte und Zwischenfälle wären bei einem Einsatz dieser Maschinen also programmiert.

Für die Bekämpfung des Mohnanbaus gibt es weiterhin kein schlüssiges Konzept. Dabei ist die Opiumproduktion ein Kernproblem für die weitere Entwicklung Afghanistans. Der Mohnanbau ist die wirtschaftliche Basis für die Taliban, Warlords und andere Gegner des Stabilisierungsprozesses. Das Drogenproblem bereitet daher auch dem für Afghanistan zuständigen NATO-Kommando JOINT FORCE COMMAND im niederländischen Brunssum immer mehr Sorgen. Der deutsche Befehlshaber, General Egon Ramms:

"Wir haben vor einiger Zeit in der Nato, auch mit Beteilung der entsprechenden NATO-Gremien aus Brüssel diskutiert, wie man die Situation in Afghanistan besser in den Griff bekommen könnte. Ich habe dabei angeregt, darüber nachzudenken, ob man nicht das Geld bereitstellt, um die gesamte Opiumernte in Afghanistan schlicht und einfach aufzukaufen. Man kann sie zu einem bestimmten Prozentsatz dann noch für medizinische Zwecke nutzen, also pharmazeutischen Firmen in Amerika, Deutschland und Europa zur Verfügung stellen, um Folgeprodukte herzustellen und den Rest kann man anschließend verbrennen. Wichtig wäre, dass der afghanische Bauer, der heute mit Opium Geld verdient und seine Familie damit ernährt, auf diesem Wege das gleiche Geld bekommen könnte, seine Familie ernähren könnte, das Opium aber nicht auf den Markt kommen würde als Rauschmittel, das dann illegal zu weit aus höheren Preisen vertrieben wird."

Der Vier-Sterne-General Ramms hat sich inzwischen selbst ein Bild über die Lage gemacht und ist über die afghanischen Mohnfelder geflogen. Sein Vorstoß fand allerdings keine große Aufmerksamkeit, sehr zum Verdruss des Generals:

"Ja ich bin eigentlich etwas enttäuscht gewesen, weil ich erwartet hatte, dass man zumindest über diese Sache etwas ernsthaft nachdenken würde. Dieser Prozess des ernsthaften Nachdenkens hat in dieser Richtung bisher nicht eingesetzt ... Ich halte das nach wie vor für eine gangbare Möglichkeit."

Das sieht man am Hindukusch selbst allerdings anders. Der für die afghanische Nordregion zuständige Bundeswehr-General Josef Blotz ist jedenfalls strikt gegen einen Aufkauf der Opiumernte:

"Meine persönliche Meinung dazu ist, dass man das nicht tun sollte. Ich glaube, dass dann, wenn man den Drogenbaronen, die verstrickt sind in Korruption und organisierte Kriminalität, eine mehr oder weniger garantierte Abnahme zusagen würde, dass, wenn sie so wollen, in zynischer Annahme von marktwirtschaftlichen Mechanismen, dies eben dazu führen könnte, dass man umso mehr anbaut, und über Jahre hinweg vielleicht glaubt, einen sicheren Abnehmer gefunden zu haben. Und ich denke, dass dieser Schuss am Ende einfach nach hinten losgehen würde."

 Diese Auffassung teilen auch andere Spitzenmilitärs des ISAF-Hauptquartiers in Kabul. Die afghanische Regierung weist darauf hin, dass ein Aufkauf des Opiums selbst zur Herstellung von Medikamenten im Widerspruch zur afghanischen Verfassung stünde. Danach ist nämlich der Anbau von Mohn verboten. Abdullah Fahim, der Berater des Gesundheitsministeriums in Kabul:

"As a part of the Afghan government, [the] Ministry of Public Health is not willing to take any step against the constitution. That’s why we [are] also everywhere against legaliz[ation] of the poppy cultivation [and] using it for medical purposes."

Persönlich vertritt der afghanische Regierungsberater jedoch eine andere Auffassung. Ginge es nach ihm, so wäre es durchaus sinnvoll, den Mohnanbau zumindest für medizinische Zwecke zu legalisieren. Voraussetzung wäre natürlich eine Verfassungsänderung. Davon ist man aber noch weit entfernt. Für die Opium-Problematik ist also weiterhin kein realistisches Konzept in Sicht. Dabei ist die Lösung dieser Frage zentral für den Erfolg oder Misserfolg der ISAF-Mission am Hindukusch.


 

Andreas Flocken ist Redakteur für die Hörfunk-Sendung "Streitkräfte und Strategien" bei NDRinfo.