Gastbeitrag
Streitkräfte und Strategien - NDR info
07. April 2007


Nach der Tornado-Verlegung

Bundeswehr hofft auf zweite Landebahn in Mazar-i-Scharif

Andreas Flocken

In dieser Woche sind die sechs Tornado-Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr nach Nordafghanistan verlegt worden. In den nächsten Tagen werden sie dem ISAF-Befehlshaber unterstellt. Etwas in den Hintergrund getreten ist, dass dieses empfindliche Waffensystem eine umfangreiche Infrastruktur benötigt. Deswegen mussten vom Heimatstützpunkt Jagel rund 800 Tonnen Material und Gerät an den Hindukusch verlegt werden. Das Manko der Einsatzarmee Bundeswehr ist allerdings, dass es ihr an den hierfür geeigneten Lufttransportkapazitäten fehlt. Der mehr als 30 Jahre alte Transall-Transporter kann nur kleinere Lasten befördern. Das Flugzeug hat zudem eine nur sehr geringe Reichweite. Abgelöst werden soll diese Maschine daher durch 60 Transportflugzeuge vom Typ A400M. Doch der neue Militär-Airbus befindet sich noch in der Entwicklung. Bis zur Auslieferung der ersten Maschinen werden noch einige Jahre ins Land gehen.

Deswegen hat sich die Bundeswehr zusammen mit einigen anderen NATO-Ländern den Zugriff auf sechs russisch-ukrainische Großraumflugzeuge vom Typ Antonow 124 gesichert. SALIS heißt diese Vereinbarung. SALIS steht für "Strategic Airlift Interim Solution", also Zwischenlösung Strategischer Lufttransport.

Die Antonow kann bis zu 120 Tonnen Fracht über mehrere tausend Kilometer befördern. Zwei dieser sechs Maschinen stehen in Leipzig bereit. Deutschland darf diese Flugzeuge jährlich für mindestens 750 Flugstunden nutzen. Dafür zahlt die Bundeswehr 20 Mio. Euro, auch wenn man dieses Kontingent nicht ausschöpft.

Der Antonow-Transporter ist durch seine große Nutzlast eigentlich dafür prädestiniert, das umfangreiche Material und Großgerät für die Tornado-Mission nach Afghanistan zu transportieren. Nur einige wenige Flüge wären notwendig. Trotzdem hat Deutschland auf die bereits bezahlten Dienste dieses Großraumflugzeuges verzichtet. Stattdessen beauftragte das Verteidigungsministerium eine Spedition mit dem Lufttransport. Und diese Firma hat dafür gesorgt, dass seit Wochen die wesentlich kleinere russische Iljuschin-76 das Material an den Hindukusch bringt.

Der Grund: Der Großraumtransporter Antonow 124 darf im nordafghanischen Mazar-i-Scharif nicht landen. Denn für die Start- und Landebahn ist die Nato zuständig, genauer: die Amerikaner. Und aus deren Sicht würde die schwere Antonow die Piste über Gebühr belasten. Darüber ist man bei der Bundeswehr nicht glücklich. Schließlich ist Nordafghanistan der Hauptschwerpunkt des deutschen Militärengagements, und wird es wohl auch für Jahre bleiben. Nicht umsonst werden zurzeit Millionen von Euro in das Feldlager Camp Marmal investiert.

Deswegen würde die Bundeswehr gerne in Mazar-i-Scharif eine zweite Runway bauen - möglichst im kommenden Jahr. Doch solche Wünsche stoßen bei den anderen Bündnispartnern auf wenig Begeisterung. Im ISAF-Hauptquartier hält man sich sehr zurück. Es werde darüber nachgedacht, mehr will man dazu in Kabul nicht sagen. Und bei SHAPE, dem militärischen NATO-Hauptquartier in Belgien, ist eine zweite Start- und Landebahn für Mazar-i-Scharif zurzeit überhaupt kein Thema.

Vor allem die USA haben daran auch gar kein Interesse. Denn der amerikanischen Rüstungslobby sind die Antonows schon seit langem ein Dorn im Auge. Washington hatte sich bemüht, für die SALIS-Vereinbarung den kleineren und zugleich teureren amerikanischen C-17-Transporter von Boeing ins Spiel zu bringen. Vergeblich. Die Federführung für dieses Projekt lag bei Deutschland. Doch die Boeing-Rüstungslobby ist hartnäckig. Mit tatkräftiger Hilfe des NATO-Generalsekretärs wurden im vergangenen Jahr die ersten Weichen für den Aufbau einer NATO-eigenen C-17-Flotte gestellt. Der Milliarden-Deal ist noch nicht perfekt. Und wenn nicht schon bald weitere Maschinen verkauft werden, dann sieht sich Boeing gezwungen, die Produktionslinie für die C-17 stillzulegen. Da gilt es, die Vorteile dieser Maschine gegenüber dem russisch-ukrainischen Konkurrenten herauszustellen: Anders als die Antonow darf die C-17 auf fast allen Flugfeldern und NATO-Stützpunkten in Afghanistan landen.

Die Chancen für einen Einsatz der Antonow in Nordafghanistan stehen also nicht gut. Im Zuge der Tornado-Verlegung hat es nur einen Flug des russisch-ukrainischen Großraumfrachters gegeben. Zwei im Bundeswehr-Feldlager in Nordafghanistan benötigte übergroße Gabelstapler, die selbst für die gecharterten Iljuschin-76 zu groß waren, wurden mit der Antonow von Deutschland in die Hauptstadt Kabul geflogen. Von dort musste das Großgerät per LKW auf dem Landweg in das mehr als 400 Kilometer entfernte Mazar-i-Scharif transportiert werden – mit militärischem Begleitschutz.

Die von der Bundeswehr jährlich eingekauften 750 Antonow-Flugstunden lassen sich durch die Afghanistan-Mission also nur schwer ausschöpfen. Sie könnten zu einem Verlustgeschäft werden. Doch so muss es nicht unbedingt kommen. Denn das Jahr 2007 ist noch lang. Und die Erfahrungen im vergangenen Jahr mit dem Kongo und dem Libanon haben gezeigt: Neue Bundeswehr-Einsätze kommen schneller als man denkt. Und dann könnte, wie bei der EU-Mission in Afrika, erneut die Stunde der Antonows schlagen.


 

Andreas Flocken ist Redakteur für die Hörfunk-Sendung "Streitkräfte und Strategien" bei NDRinfo.